FORUM
DOI 10.1007/s41358-016-0062-z
Z Politikwiss (2016) 26:469–477
Wie handlungsfähig ist die EU als
außenpolitischer Akteur in Zeiten der
Polykrise?
Carolin Rüger
Online publiziert: 4. November 2016
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
Die Europäische Union (EU) befindet sich in einem Zustand der polycrisis. Der Kri-
senseismograf kam angesichts der Vielfachkrise in den letzten Jahren nicht zur Ruhe.
Die Finanz-, Staatsschulden- und Eurokrise ließen den europäischen Kontinent er-
beben und schlugen einen Graben zwischen nördliche und südliche Mitgliedstaaten.
Die Welle der Flüchtlinge legte nationale Reflexe frei und unterspülte Grundfeste
der europäischen Integration wie das Prinzip der Solidarität oder die grenzenlose
Mobilität im Schengen-Raum. Durch die vor allem in Ungarn und Polen virulente
rule of law crisis geriet auch das Wertefundament der EU ins Wanken. Einige Er-
schütterungen des Krisengeschehens drohen gar ganze Mitgliedstaaten abzuspalten:
im Falle des oftmals angedrohten Grexit noch als mehr oder weniger hypothetisches
Gedankenspiel, beim Brexit nach dem Referendum im Vereinigten Königreich als
greifbare, wenn auch für viele unbegreifliche Tatsache.
Neben der innereuropäischen besitzt die Polykrise auch eine externe Facette. „To
put it mildly, the world is a mess“, so brachte die ehemalige US-Außenministerin
Madeleine Albright den aktuellen Zustand der Weltpolitik auf den Punkt. Besonders
rund um die EU spannt sich ein Krisengürtel, der von Libyen über den Nahen
Osten und die Türkei bis in die Ukraine und Russland reicht. Nachdem 2004 mit
der Europäischen Nachbarschaftspolitik (ENP) eigens ein neues Politikfeld aus der
Taufe gehoben worden war mit dem Wunsch, einen „ring of friends“ rund um die EU
zu etablieren, entwickelte sich die europäische Nachbarschaft in den letzten Jahren
zunehmend zum „ring of fire“ (Charlemagne 2014).
Verschärft wird das gezeichnete Krisendilemma durch das Erstarken nationalis-
tischer und populistischer Strömungen, verbunden mit einer tiefgreifenden Vertrau-
Dr. C. Rüger ()
Institut für Politikwissenschaft und Soziologie, Professur für Europaforschung und Internationale
Beziehungen, Universität Würzburg, Wittelsbacherplatz 1, 97074 Würzburg, Deutschland
E-Mail: c.rueger@uni-wuerzburg.de
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