42 Jürgen Vogt Musik-Lernen im Kontext von Bildung und Erziehung. Eine Aus- einandersetzung mit W. Gruhns „Der Musikverstand“ „Darüber hinaus möchte ich sagen, daß Sie sich in einem sehr großen Irrtum befin- den, wenn Sie glauben, daß man von der Psychologie als Wissenschaft von den Geset- zen der Seele ganz bestimmte Programme, Schemata oder Unterrichtsmethoden für den unmittelbaren Gebrauch im Klasssenzimmer ableiten kann“ (William James, Psychologie und Erziehung, 1899) 1. Der Zusammenhang von Lernen, Erziehung und Bildung. „Musik- Lernen“ als Gegenstand der Musikpädagogik Wer sich als lehrender Musikpädagoge an der Hochschule dem Thema des „Musik- Lernens 1 “ widmet, sieht sich in eine merkwürdige Situation versetzt, die durch drei Sachverhalte gekennzeichnet ist: 1. Offenbar – so jedenfalls unausgesprochener Konsens zwischen Lehrendem und Studierenden (Lernenden?) – ist „Lernen“ ein wichtiger (mu- sik)pädagogischer Topos. 2. Obgleich „Lernen“ als Thema der Pädagogik zugerechnet wird, beschäftigen sich in erster Linie Psychologen mit ihm 2 . 1 Diesen von S. Abel-Struth geprägten Begriff benutze ich allein seiner Handlichkeit wegen. „Musikbezogenes Lernen“ ist sicherlich terminologisch zutreffender. 2 Und dies nicht nur in Publikationen der 70er Jahre. Wenn Alfred K. Treml (1997) in einem neueren Handbuchartikel vom „wissenschaftlichen Lernbegriff“ spricht (S.97 ff.), so handelt es sich ausschließlich um psychologische Lernbegriffe (als ob die Pädagogik keine Wissen- schaft sei); und auch im ansonsten sehr verdienstvollen Reader von Baumgart 1998 werden unter dem Stichwort „Lerntheorien“ ausschließlich psychologische Theorien vorgestellt (vgl. kritisch dazu auch Schulze 1993). Andere als psychologische Lernbegriffe, wie z.B. der anth- ropologische (vgl. Rombach 1969) spielen weder in der Allgemeinen Pädagogik noch in der Musikpädagogik eine wesentliche Rolle.