. 77 Günter Roth Dilemmata der Altenpflege: Die Logik eines prekären sozialen Feldes * Der Beitrag widmet sich zuerst deskriptiven Befunden gravierender Defizite des beruflich-institutio- nellen Umgangs mit den Risiken älterer pflegebedürftiger Menschen (z.B. Mangelernährung). Bei stei- gendem Pflegebedarf (und Verfall des ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapitals der Pflegebe- dürftigen) nimmt die Qualität der Pflege ab, und es herrscht insgesamt eine wenig systematische, man- gelhafte Pflege, die mit Überversorgung, Infantilisierung und Paternalismus oder gar Gewalt einhergeht. Die Hintergründe der strukturellen Probleme bleiben eher im Dunkeln – auch infolge scheinbar auf der Hand liegender Erklärungsansätze und theoretischer Annahmen. Die an Ressourcenmangel und Überlas- tung sowie Qualifikations- und Organisationsdefiziten ansetzenden funktionalistischen Konzepte einer- seits und interpretative sowie institutionenkritische Ansätze andererseits reichen – trotz gewisser empiri- scher Evidenz – nicht aus, die Dilemmata des prekären sozialen Feldes Altenpflege zu verstehen. Der Aufsatz leistet einen Beitrag zur Klärung der Dilemmata unter Rückgriff auf die Feldtheorie von Bour- dieu. Das heteronome Feld der Altenpflege – verortet im Spannungsverhältnis von Lebenswelt, Familie und Medizin – ist stark durch unterschiedlich (wesentlich durch die Geschlechterordnung) bedingte so- ziale Ungleichheiten und verkannte Machtstrukturen sowie Konflikte geprägt und geht einher mit einem disparaten, bisher wenig reflektierten Habitus der Pflegenden („Schwestern“). 1. Einführung Das Thema Altenpflege gilt als unangenehm und wird gern verdrängt. Das vorherrschen- de Schweigen wird nur zuweilen durch Skan- dalberichte über vernachlässigte, ausgebeu- tete oder gar getötete Alte oder „böse Schwes- tern“ durchbrochen. Die Wirkung solcher medialen Aufbereitung scheint jener von Krimis oder Horrorgeschichten ähnlich, die den wohligen Schauer zum sanften Schlum- mer liefern. Neben Verdrängen und Skandal steht der Aktivismus als Topos der berufli- chen Altenpflege oder „gerontologischen Pflege“ 1 : Seit dem Erlass der Pflegeversiche- rung im Jahr 1994 und des Pflege-Qualitäts- sicherungsgesetzes (PQsG) von 2001 hat zwar ein intensives Bemühen um Qualitäts- management eingesetzt. Die immer neuen „Systeme“ oder „Modelle“ mit diversen Akronymen bleiben jedoch wie ihre wissen- schaftliche Begleitung weitgehend theorie- frei: So wird meist weder „Soll“ noch „Ist“ der Pflegequalität theoriegeleitet operationa- lisiert, womit eine empiristische Nabelschau oder das berühmte Stochern im Nebel droht (Gebert/Kneubühler 2001: 230). Dieses ma- nifestiert sich paradigmatisch an den kaum auf Verzerrungen hin reflektierten Befra- gungen zur Zufriedenheit von „Kunden“ und eher intuitiven impressionistischen Beob- achtungen und Beschreibungen der Pflege- qualität. Dabei zeichnen offiziöse Vertreter bevorzugt das Bild einer mehrheitlich ange- messenen Pflege, wenn auch sie viele Defi- zite beschreiben (MDK 2004). Indes bleiben deren Erhebungsmethoden und auch Ursa- chenanalysen dürftig, im Vordergrund stehen deskriptive Erhebungen von Strukturen und Prozessen (mit nicht validierten Instrumen- ten), kaum die Ergebnisse der Pflege. Zudem liegen eher Beschreibungen von Defiziten denn schlüssige Erklärungsmodelle vor, wenn etwa Qualifikations- oder Ressour- cenmängel als Ursachen angeführt werden (MDK 2004; BMGS 2004). Auch in der Al- tenpflegepraxis bilden die Verweise auf Res- sourcenknappheit, Überlastung und Qualifi- kationsdefizite scheinbar hinreichende Pro- * Ich danke anonymen Gutachtern sowie Natalie Bloch, Hermann Brandenburg, Vjenka Garms- Homolová und Franz Schultheis für kritische und unterstützende Hinweise.