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AngewAndte geogrAphie
online publiziert: 19. August 2015
© Springer-Verlag Berlin heidelberg 2015
Arm, sexy und immer teurer –
Wohnungsmarktentwicklung und Gentrifcation in Berlin
Christian Krajewski
StAndort (2015) 39:77–85
doi 10.1007/s00548-015-0381-1
Urbane Transformation seit 1990
Seit der wiedervereinigung 1990 vollzieht sich in der neuen
alten hauptstadt ein anhaltender urbaner transformations-
prozess. entgegen den überzogenen wachstumserwartungen
der frühen 1990er Jahre ist Berlin weder zu einer der füh-
renden dienstleistungsmetropolen und wirtschaftsstandorte
deutschlands aufgestiegen, noch hat sich die Bevölkerungs-
zahl im engeren Verfechtungsraum der Metropolregion auf
sechs Millionen Einwohner vergrößert. Vielmehr war die
entwicklung zunächst durch wirtschaftsstrukturwandel
und Bevölkerungsverluste gekennzeichnet – diese auch
bedingt durch nachholende Suburbanisierung ins Branden-
burger Umland. Sozioökonomischer wandel und gestie-
gene wohnmobilität haben zudem zu einer Verstärkung der
sozialräumlichen Segregation geführt. Berlin hat sich in die-
sem Kontext von einer geteilten zu einer vielfach fragmen-
tierten Stadt entwickelt. in wirtschaftlicher hinsicht begann
in Berlin mit der wiedervereinigung eine Überlagerung von
prozessen der de-industrialisierung, (re-)privatisierung,
tertiärisierung und globalisierung, die in beiden teilen der
vormals stark industriell geprägten Stadt einen massiven
Arbeitsplatzverlust bewirkten. diese Auswirkungen konn-
ten durch neue dienstleistungsarbeitsplätze nur teilweise
kompensiert werden. Mittlerweile befndet sich die Berliner
wirtschaft allerdings auf wachstumskurs. Berlin hat sich zu
einer der bedeutendsten europäischen Städtetourismusziele
entwickelt, die Attraktivität der Kultur-, Medien- und Krea-
tivwirtschaft haben Berlin heute zu einer der „hippsten“
Städte europas werden lassen. das hat Berlin in den letz-
ten zehn Jahren auch in demografscher Hinsicht Wachstum
beschert: Anfang 2015 lag die Einwohnerzahl bei 3,56 Mio.;
die jährlichen Bevölkerungszunahmen der letzten fünf Jahre
betrugen im durchschnitt 38.500 einwohner, in den letzten
drei Jahren sogar 45.000 einwohner (ASBB 2015, S. 1).
der Ausspruch von Berlins langjährigem regierenden Bür-
germeister Klaus wowereit „Berlin ist arm, aber sexy“ gilt
nach wie vor als etablierter Marketing-Slogan der deutschen
hauptstadt, der den Facettenreichtum der dynamischen Stadt
umreißt. Doch nicht nur das einstige Prestige-Projekt des
vormaligen Bürgermeisters – der Großfughafen BER – wird
immer teurer, sondern auch das wohnen in deutschlands
einwohnerstärkster Stadt: Mit einer Mietpreissteigerung von
rund 45 % erlebte Berlin zwischen 2010 und 2015 den rasan-
testen Anstieg unter den deutschen Großstädten. Mit einer
Angebotsmiete von rd. 8,6 €/qm im Monat (CBRE und Ber-
linhyp 2015) wohnt man in Berlin im Vergleich zu ande-
ren Großstädten in Deutschland und international allerdings
immer noch recht günstig. der Beitrag analysiert die jüngste
entwicklung des Berliner wohnungsmarktes und zeigt, dass
Mietpreisanstiege und umfassende Aufwertungsprozesse
dazu führen, dass sich Gentrifcation zunehmend über weite
Teile des Wilhelminischen Mietskasernen-Ringes ausbreitet.
Basis des Beitrags sind dabei eigene empirische Forschun-
gen sowie Literatur- und datenanalysen. nach einer kurzen
Charakterisierung der Rahmenbedingungen der Berliner
Stadtentwicklung nach 1990 wird die jüngere entwicklung
von Wohnungsmarkt und Mietpreisen untersucht. Anschlie-
ßend erfolgt nach einer Begriffsbestimmung der Gentrifca-
tion und einem Blick auf den Berliner Aufwertungszirkel
eine Analyse der mehrdimensionalen Aufwertungsprozesse
am Beispiel des reuter- und des Schiller-Kiezes im nörd-
lichen neukölln, die mit einem Fazit endet.
Dr. phil. C. Krajewski ()
institut für geographie, westfälische wilhelms-Universität
Münster,
Heisenbergstraße 2,
48149 Münster, Deutschland
E-Mail: christian.krajewski@uni-muenster.de