Fachthemen
DOI: 10.1002/bapi.201510039
334 © Ernst & Sohn Verlag für Architektur und technische Wissenschaften GmbH & Co. KG, Berlin · Bauphysik 37 (2015), Heft 6
Lebenszyklusorientierte Entwicklung von opaken
Wandbauteilen für verschiedene Klimazonen in China
Dirk Schwede
Yi Lu
Der Energie- und Ressourcenverbrauch für Gebäude in China ist
in der Gesamtheit um ein Vielfaches höher als für Gebäude in
Deutschland. Die rasante Bautätigkeit bedeutet, dass die Anstren-
gungen in Deutschland nur bedeutsam sind, wenn entsprechende
Zielsetzungen auch in Ländern wie China angestrebt und klimaan-
gepasste Maßnahmen lokal umgesetzt werden. In diesem Sinne
wurde zur Ermittlung von klimaangepassten primärenergetisch
optimierten Wandkonstruktionen ein typisches Wohnraummodul
mit einem dynamischen Simulationsmodell für 26 Klimata in China
untersucht. Dabei wurden opake Wandelemente schrittweise von
einer geringen hin zu einer hohen Dämmwirkung variiert. Bei
sonst konstanter Raum- und Betriebskonfiguration wurden die
Energiebedarfswerte für Heizen und Kühlen ermittelt. Im An-
schluss wurden der Außenwand für jedes Klima verschiedene
Materialschichtdicken zugewiesen und der Energieaufwand zur
Herstellung der Materialien ermittelt. Es wurde berechnet, bei
welcher Materialschichtdicke der letzte zugefügte Zentimeter
eine primärenergetische Amortisationszeit innerhalb der Nut-
zungsdauer (30, 60 oder 100 Jahre) aufweist. Weiterhin wurden
der Raum in die vier Himmelsrichtungen ausgerichtet und die re-
sultierenden Materialschichtdicken bestimmt. Es wurde gezeigt,
dass in allen untersuchten Klimata eine angepasste Dämmwir-
kung der Außenwand sinnvoll ist, dass aber in weiten Regionen in
Südchina monolithische Wandaufbauten aus zum Beispiel Poren-
beton zu primärenergetisch optimalen Ergebnissen führen. Es wird
geschlossen, dass große Teile des derzeitigen globalen Neubau-
volumens mit energie- und ressourcenoptimierten sowie kreislauf-
fähigen Wandelementen konstruktiv umgesetzt werden könnten.
Life-Cycle oriented development of opaque wall elements in
various climate zones in China. The energy and resource de-
mand of the building stock in China is in total many time es higher
than for buildings in Germany. The rapid construction activity
means that the efforts made in Germany are only relevant, if simi-
lar targets are adopted also in countries like China and if climate
adapted measures are implemented locally. In this sense a simu-
lation study of a typical residential room module has been con-
ducted in order to identify climate adapted and lifecycle opti-
mized wall constructions in 26 climates in China. Therein opaque
wall elements have been improved stepwise in their insulation
capacity. For a constant room and operation configuration the en-
ergy demand for heating and cooling has been determined. Fol-
lowing, selected materials have been assigned to the external
wall. It has been calculated for which layer thickness the last
added centimetre has an energy payback time within the useful
life (30, 60 and 100 years). Furthermore the room was turned in the
four compass points and the thicknesses have been determined.
It has been shown, that in all climates a certain insulation capac-
ity is required, but that in southern China monolithic walls, for ex-
ample made from aerated concrete, are optimal and sufficient. It
is concluded that large part of the global new construction vol-
ume could be constructed with energy and resource optimized
wall elements that are also able to be recycled.
1 Einführung
1.1 Situation
Die Auswirkung der deutschen Energiewende auf das
Weltklima ist für sich genommen marginal. Dennoch spielt
Deutschland als Initiator von Innovation und als Vorbild
auf dem Weg in die globale nachhaltige Zukunft eine be-
deutende Rolle. In Deutschland leben derzeit nur etwa
1,2 % der Weltbevölkerung und Deutschland ist gleichzei-
tig für 2,4 % (2012) des weltweiten CO
2
-Ausstoßes verant-
wortlich. Diese Zahlen zeigen, dass die Deutschen über-
durchschnittlich zur Klimaerwärmung beitragen. Es ist
klar, dass sich das Problem des Klimaschutzes nicht allein
durch Anstrengungen in Deutschland lösen lassen wird. In
China leben 20 % der Weltbevölkerung, und das Land hat
einen Anteil von 25,9 % (2012) an den weltweiten CO
2
-
Emissionen [1]. Während der CO
2
-Ausstoss absolut in den
Jahren von 1990 bis 2012 in Deutschland um 20,5 % gefal-
len ist, verzeichnete China einen Anstieg um alarmierende
249,8 % [1]. Signifkant ist dabei auch, dass sich durch die
soziale Diversität und die weiterhin notwendige Anglei-
chung der Lebensumstände in China, der derzeit minimale
Energieverbrauch großer Bevölkerungsschichten in Zu-
kunft an den sehr hohen Energieverbrauch der neuen mo-
dernen Lebensstile in China angleichen wird. Das Bauvo-
lumen in China steigt getrieben durch die anhaltende Ur-
banisierung, die Einkommensentwicklung, die damit
verbundenen steigenden Ansprüche an Baustandards
(Komfort, Wohnfäche), die Nachfrage nach neuen Arbeits-
welten sowie durch notwendige Infrastrukturprojekte wei-
terhin signifkant an. Die Bauwirtschaft in China ist derzeit
für etwa 55 % des weltweiten Zementverbrauchs verant-
wortlich. In China entsteht jährlich neue Wohnfäche in
der Größenordnung des Wohnfächenbestandes von Spa-
nien oder Großbritannien [2]. Die Bauwirtschaft ist wie in
vielen anderen sich derzeit entwickelnden Ländern der
treibende Faktor der wirtschaftlichen Entwicklung und als
solcher ist sie für einen immensen Ressourcenverbrauch