Soziale Systeme 16 (2010), Heft 2, S. 430-436 © Lucius & Lucius, Stuttgart Maren Lehmann Pendeln Oder: Variable Absenz als Form der Universität Come on then. Shaftesbury Weniges diskutiert die Universität heute so heftig und zugleich so folgenlos wie die Frage der Erwartbarkeit (und der Sanktionierbarkeit) der Anwesenheit von Lehrenden und Studierenden am Ort der Universität. Diese sei unver- zichtbar für deren Kommunikationsform: eine durch Rollenkomplementari- tät (Lehre) oder Kollegialität (Forschung) oder Dienstleistung (Verwaltung) definierte, allfällig durch Sub- und Superordinationszumutungen unter- spülte und dennoch der Idee nach durch nichts als reflexive Wahrneh- mung verstellte Interaktion unter Anwesenden. Deshalb ist vordergründig immer allzu klar, was dieser Ort ist: ein unter dem Namen der Universität gebündeltes Arrangement bestuhlter Tische in Seminarräumen und Hör- sälen, in Büros, Sitzungs- und Besprechungszimmern, in Caféterien und Mensen, in Bibliotheken, Labors und Copyshops, eine Binnenraumarchi- tektur aus Winkeln und Nischen. Diese Binnenraumarchitektur kann in einem (mehr oder minder) städtisch verfassten Kontext oder auch in einem (ebenfalls mehr oder minder) wüsten Kontext platziert sein (Saint-Exupé- ry 2009) 1 ; ihr Muster ist überall die Differenz von geschlossener Stadt und offenem Feld einerseits und die Differenz von städtischer und höfischer Hierar- chie andererseits. 2 Man kann vielleicht zumindest für die europäischen (vgl. Stichweh 1991), mit einigem Recht aber ebenso für die amerikanischen Uni- versitäten (vgl. Parsons / Platt 1973), wie sie seit der frühen Neuzeit entstehen und wie sie sich im 17. und dann nochmals im 19. Jahrhundert reorganisie- ren, sagen, dass sie das Feldlager (den je aktuell unterbrochenen Feldzug, die campagne) zum komplementären Gegenüber des Hofes machen und dieses Feldlager nicht nur im Kontext des Herrschaftsraumes dieses Hofes selbst platzieren, sondern sich innerhalb dieses Kontexts auf eine Stadt kaprizieren, die sich ebenfalls als traditionelles Gegenüber des Hofes versteht. Dieses hö- 1 Luhmann (1995, 396) zufolge das »wesentlichste[] Werk des modernen Staatsdenkens und der öffentlichen Ethik«. 2 Wir weichen also für den Moment ab von den Unterscheidungsvarianten, die Stichweh (1994, 246 ff.) vorschlägt. Brought to you by | Göteborg University - University of Gothenburg Authenticated Download Date | 10/18/18 5:33 AM