Lobbying, die versuchte Beeinflussung politischer Akteure durch private Interessenvertreter, verbindet man eher mit amerikanischer Politik. Dort gehört es zum Alltag, Firmen oder Verbände vor legislativen Komitees aussagen zu lassen, politische Kampagnen durch private Spenden zu finanzieren oder gar Entscheidungen des Gesetzgebers durch die Androhung juristischer Prozesse zu blockieren. Eine TV-Serie mit dem Namen K-Street, der Adresse der meisten Interessenvertretungen in Washington, stellt im amerikanischen Fernsehen den Alltag der Lobby- isten dar. Das zeigt: Lobbying in den USA ist ein Job wie jeder andere auch. Es wird als ein fester Bestandteil des amerikanischen Politikprozesses angesehen. Europaweit ist private Einflussnahme hingegen verpönt. Politische Partizipation wird höchstens bei reprä- sentativen Gruppen wie Arbeitgeber- oder Arbeitnehmerverbänden geduldet. Allein das Wort „Lobbying“ hat eine negative Konnotation: Firmenvertretungen bezeichnen ihre Mitarbeiter deshalb lieber als „Repräsentanten der Konzernpolitik“ oder „Regulierungsabteilung“, niemals jedoch als Lobbyisten. Lobbying in Brüssel: Amerikanische Verhältnisse? 57 Lobbying ist der Versuch der Beeinflussung politi- scher Akteure durch Ver- treter privater Interessen. Lobbying in Brüssel: Amerikanische Verhältnisse? CORNELIA WOLL Lobbying galt in Europa lange als suspekt: eine politische Tradition, die man höchstens aus Amerika kannte. Dennoch wuchs die Lobbying-Industrie in Brüssel zur zweitgrößten der Welt heran. Ist das europäische Lobbying damit ein Abbild des amerikanischen? Sicherlich gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den beiden politischen Systemen. Jedoch unterscheidet sich die europäische Art der Interessenvertretung deutlich von der amerikanischen, und sie ist langfris- tig auch weniger aggressiv.