Christoph Rehmann-Sutter Sind wir verletzbar durch den Tod? Noch feiert der Tod Das Leben in dir Närrin in der Spirale der Eile (Nelly Sachs¹) Abstract: Are we vulnerable due to death? It is undisputed that the life of human beings must be preserved also at its end because it still can be threatened. But does death itself constitute an injury if it is not caused by external influences, and rather grows out of the life process of mortal beings in the sense of the necessary dissolution of life? In view of Henk ten Haves functional theory of vulnerability, I distinguish between the aspects of exposure, sensitivity and the ability to absorb events in such a way that no injury occurs. Death growing out of life presents a context that is different from that of violent or preventable death. I argue that at the end of life, dying itself is not the injury. Injuries should be suspected in the circumstances of death, not in death itself. The main reason for this claim is ethical: if dying itself were seen as the actual evil, dying processes would be equalized. One could no longer well recognize the threatening injuries in their course. Based on this, the article examines vulnerability in connection with wishes to die, specifically based on the motive of not wanting to be a burden for others. Die ersten Zeilen des Gedichts von Nelly Sachs klingen wie ein dreistimmiger Akkord. Der Tod erscheint gleich als eine feiernde Gestalt. Er feiert, aber nicht mit hämischer Zuversicht, am Ende über das Leben zu obsiegen. Der Tod feiert nicht über das Leben, sondern er feiert das Leben. Tod und Leben sind einander näher als in der Vorstellung des Sensenmanns, der kommt und mäht. Aber das Gedicht beginnt mit einem Noch. Die Feier dauert noch, sie geht nicht immer weiter. Sie wird ein Ende haben; das Leben ist vergänglich, verletz- lich, endlich. Mehr liegt für uns nicht drin. Oder besser gesagt, darin besteht das Kostbare des Lebens. Der dritte Klang in der dritten Zeile ist die Stimme der Sterbenden, die ein- stimmt. Sie wird aber von der Erzählerin gleich Närrin genannt, weil sie in einer Spirale gefangen sei, die sie in der Eile des Lebens festhält. Oder hat sie es viel- leicht zu eilig mit dem Sterben und die Eile bezieht sich auf den Tod selbst? Die ersten drei Zeilen des Gedichts Noch feiert der Tod(Sachs 1961, S. 357). OpenAccess. © 2022 Christoph Rehmann-Sutter, publiziert von De Gruyter. Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung Nicht kommerziell Keine Bearbeitung 4.0 In- ternational Lizenz. https://doi.org/10.1515/9783110734522-011