Die Kunst zu reden und zu schreiben Kleists Essay Über die allmählige Verfertigung der Gedanken beim Reden Von OLGA LASKARIDOU (Athen) ABSTRACT Der Beitrag untersucht das »eigentümliche« Verhältnis von Kleists Essay zur Rhe- torik, das sich als äußerst komplex erweist. Ausgangsthese ist die prinzipielle Anders- artigkeit von mündlicher Rede und schriftlichem Text, die sich als Gegenführung eines antirhetorischen Rede- und eines bewusst rhetorischen Schriftkonzepts mani- festiert. Dies spiegelt nicht zuletzt den vielschichtigen Transformationsprozess der Rhetorik um 1800. The subject of this article is the »eigentümliche« (i.e. individual, peculiar) relation which links Kleist's Essay to rhetorics. The initial position is the essential difference between oral speech and written text, manifesting itself as a collision between an anti-rhetorical concept of speech and an intentionally rhetorical concept of writing, reflecting the multilayered process rhetorics underwent at around 1800. 1. »[ ... ] dieser Aufsatz von Kleist ist gewiß ein Schatz [ ... ] Was für ein Blick in die geheime Werkstatt des Gedankens! Was für ein wunderbarer, eigenster Genuß, diesen klaren Aufbau klarster Ideen in diesem festen, cyklopischen Gefüge Kleistscher Prosa langsam, wie eine Mauer, aufsteigen zu sehen.« 1 So äußert sich der Kleist-Biograf Adolf Wilbrandt im Januar 1878 in einem Brief an Paul Lindau an lässlich der Erstveröffentlichung von Heinrich von Kleists Über die allmählige Verfertigung der Gedanken beim Reden. 2 Die Aussage mutet heutzutage insofern befremdlich an, als viele Interpreten dem Text kei- neswegs den geschätzten »klaren Aufbau klarster Ideen« attestieren, sondern sich ganz im Gegenteil einer Reihe von Irritationen ausgesetzt sehen, die der 1 Paul Lindau, »Ein Aufsatz von Heinrich von Kleist. Mit einem Brief >An den Herausgeber von Nord und Süd< von Adolf Wilbrandt«, zit. nach Wolfgang Barthel, Hans-Jochen Marquardt (Hrsg.), Heinrich von Kleist 1777-1811. Leben - Werk- Wirkung. Blickpunkte, Katalog der Dauerausstellung der Kleist-Gedenk- und For- schungsstätte und des Kleist-Museums Frankfurt/Oder, Frankfurt/Oder 2000,118. 2 Der Text wird zitiert nach: Heinrich von Kleist, Sämtliche Werke. Brandenburger Ausgabe (= BKA), hrsg. Roland Reuß, Peter Staengle, Frankfurt a.M., Basel 2007, II19, 27-32. Die Seitenzahlen werden textintern in Klammern angegeben. DVjs 85. Jg., 4 (2011) Die Kunst zu reden und zu schreiben Kleists Essay Über die allmählige Verfertigung der Gedanken beim Reden Von OLGA LASKARIDOU (Athen) ABSTRACT Der Beitrag untersucht das »eigentümliche« Verhältnis von Kleists Essay zur Rhe- torik, das sich als äußerst komplex erweist. Ausgangsthese ist die prinzipielle Anders- artigkeit von mündlicher Rede und schriftlichem Text, die sich als Gegenführung eines antirhetorischen Rede- und eines bewusst rhetorischen Schriftkonzepts mani- festiert. Dies spiegelt nicht zuletzt den vielschichtigen Transformationsprozess der Rhetorik um 1800. The subject of this article is the »eigentümliche« (i.e. individual, peculiar) relation which links Kleist's Essay to rhetorics. The initial position is the essential difference between oral speech and written text, manifesting itself as a collision between an anti-rhetorical concept of speech and an intentionally rhetorical concept of writing, reflecting the multilayered process rhetorics underwent at around 1800. 1. »[ ... ] dieser Aufsatz von Kleist ist gewiß ein Schatz [ ... ] Was für ein Blick in die geheime Werkstatt des Gedankens! Was für ein wunderbarer, eigenster Genuß, diesen klaren Aufbau klarster Ideen in diesem festen, cyklopischen Gefüge Kleistscher Prosa langsam, wie eine Mauer, aufsteigen zu sehen.« 1 So äußert sich der Kleist-Biograf Adolf Wilbrandt im Januar 1878 in einem Brief an Paul Lindau an lässlich der Erstveröffentlichung von Heinrich von Kleists Über die allmählige Verfertigung der Gedanken beim Reden. 2 Die Aussage mutet heutzutage insofern befremdlich an, als viele Interpreten dem Text kei- neswegs den geschätzten »klaren Aufbau klarster Ideen« attestieren, sondern sich ganz im Gegenteil einer Reihe von Irritationen ausgesetzt sehen, die der 1 Paul Lindau, »Ein Aufsatz von Heinrich von Kleist. Mit einem Brief >An den Herausgeber von Nord und Süd< von Adolf Wilbrandt«, zit. nach Wolfgang Barthel, Hans-Jochen Marquardt (Hrsg.), Heinrich von Kleist 1777-1811. Leben - Werk- Wirkung. Blickpunkte, Katalog der Dauerausstellung der Kleist-Gedenk- und For- schungsstätte und des Kleist-Museums Frankfurt/Oder, Frankfurt/Oder 2000,118. 2 Der Text wird zitiert nach: Heinrich von Kleist, Sämtliche Werke. Brandenburger Ausgabe (= BKA), hrsg. Roland Reuß, Peter Staengle, Frankfurt a.M., Basel 2007, II19, 27-32. Die Seitenzahlen werden textintern in Klammern angegeben. DVjs 85. Jg., 4 (2011)