Artikel Tathergangsanalyse in der forensischen Praxis? Die Beziehung zwischen Täterverhalten und Persönlichkeit bei Gewalt- und Sexualstraftätern von Denis Köhler, Silvia Müller, Andreas Kernbichler, Hilde van den Boogaart und Günter Hinrichs Zusammenfassung Während bislang tathergangsanalytische Variablen und deren Beziehungen zur Täterpersönlichkeit vor allem in der Polizeiarbeit unter dem Begriff der »Operativen Fallanalyse« Verwendung fanden, spielen Tatbegehungsmerkmale zunehmend auch in der Rechtspsychologie und Forensischen Psychiatrie eine Rolle, z.B. für die Beurteilung der Schuldfähigkeit und der Kriminalprognose sowie für die Inhalte einer forensischenPsychotherapie. Der Beitrag fasst zwei klinische Studien zur Beziehung von Tatbegehungs- merkmalen (Tatplanung, Kontaktverhalten, Täter-Opfer-Beziehung, Opferauswahl) und Persönlich- keitseigenschaften (FPI, SPM, NEO-FFI, HPI, SKID-II, PCL:SV) zusammen. In Studie 1 wurden 31 jugendpsychiatrische Gutachten ausgewertet, und in Studie 2 wurden 54 Gewalt- und Sexualstraftäter mit schwerwiegenden (sexuellen) Gewaltstraftaten aus Regel- und Maßregelvollzug untersucht. Es zeig- ten sich dabei leicht divergierende Befunde zur Tatplanung, allerdings scheint eine hohe Tatplanung mit psychopathischen Merkmalen assoziiert zu sein. Weiter ergaben sich für die übrigen Variablen (Kon- taktverhalten, Täter-Opfer-Beziehung, Opferauswahl) vielfältige Beziehungen zu Persönlichkeitseigen- schaften. Diese Ergebnisse werden abschließend hinsichtlich des Nutzens und der Grenzen für Straftä- terbehandlung, kriminalprognostische Aspekte und Schuldfähigkeitsbegutachtung kritisch betrachtet. Schlüsselwörter: Tathergangsanalyse, Persönlichkeit, Täterverhalten, forensische Psychotherapie, Be- gutachtung, Gewalt- und Sexualstraftäter 1. Einleitung Schwere Gewalt- und Sexualstraftaten können aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven betrachtet werden. Während in der Kriminalistik und Kriminalpsychologie zum Zweck der Verbrechensaufklärung das Verhalten des unbekannten Täters in den Blick- punkt gestellt wird, exploriert die forensische Psychiatrie und Psychologie das gleiche Er- eignis aus einer vollkommen anderen Sichtweise: Der Täter ist bereits bekannt, es wird daher auf die Täterperson bzw. dessen Persönlichkeit fokussiert. Die Methode der Tathergangsana- lyse wurde bislang vorwiegend im Bereich der Polizeiarbeit angewendet. In den letzten Jah- ren ist jedoch zunehmend deutlich geworden, dass ihre praktische Relevanz weit über ihre Möglichkeiten als kriminalpsychologisches Instrumentarium zur Ermittlung von (Serien-) Straftätern hinausreicht. Sowohl für die Therapieplanung als auch für die Risikoeinschät- zung bzw. Prognose der Legalbewährung von Gewalt- und Sexualstraftätern sind konkrete Angaben bezüglich typischer Verhaltensweisen, Merkmalen und Eigenschaften – also der Persönlichkeit – unabdingbar. Vorgehensweise und Methodik der tathergangsanalytischen Verfahren basieren auf der zentralen Prämisse, dass die Verhaltensweisen des Täters vor, während und nach der Tatbegehung Rückschlüsse auf dessen Bedürfnisse und Entschei- dungen und damit auf individuelle Charakterisika bzw. Persönlichkeitseigenschaften zulas- sen (»Crime scene reflects personality«, Ressler et al. 1986; vgl. auch Dern 2000; Holmes & Holmes 1996; Ressler et al. 1988). Die Inhalte der Tathergangsanalyse sind im forensischen Zusammenhang aber gerade nicht darauf ausgerichtet, polizeiliche Fallanalysen durchzufüh- ren oder Täterprofile zu erstellen. Vielmehr sollen wichtige zusätzliche innovative Untersu- MschrKrim 90. Jahrgang – Heft 5 – 2007 360 Brought to you by | Chalmers University of Technology Authenticated Download Date | 12/20/19 3:53 AM