40 © 2016 Ernst & Sohn Verlag für Architektur und technische Wissenschaften GmbH & Co. KG, Berlin · geotechnik 39 (2016), Heft 1
Fachthemen
DOI: 10.1002/gete.201500007
Die Berechnung von Grenzzuständen in Böden und Fels im Hin-
blick auf die Tragfähigkeitsbestimmung und Standsicherheitsana-
lysen ist eine klassische Aufgabe des Grundbaus. Eine leistungs-
und anpassungsfähige Methode zur Lösung solcher Probleme ist
die Kinematische-Element-Methode (KEM), welche vom ersten
Verfasser vor etwa 30 Jahren vorgestellt wurde. Diese wurde
seitdem kontinuierlich weiterentwickelt und auf ein immer breite-
res Aufgabenfeld angewendet. Nach einer kurzen Einführung in
die Grundlagen der KEM wird in diesem Beitrag deren Anwen-
dung auf komplexe Fragestellungen anhand von Beispielen vor-
gestellt und diskutiert. Behandelt werden die Bestimmung von
Grundbruchlasten bei tief liegender Fundamentsohle und be-
nachbarten Fundamenten, das Trapdoor-Problem und die Be-
rechnung der Tragfähigkeit von Plattenankern. Die Möglichkeit
der Optimierung einer Böschungsgeometrie wird aufgezeigt so-
wie ein Konzept zur Berücksichtigung teilgesättigter Bodenver-
hältnisse und räumlicher Einflüsse beschrieben.
The method of kinematical elements in geotechnics – new
developments and applications. The prediction of limit states in
soils and rocks is a classical task in foundation engineering. An
efficient and adaptable tool to solve such problems is the kine-
matical element method (KEM), which has been presented by the
first author nearly 30 years ago. This method has been improved
continuously and has been applied to a more and more broad
field of problems. Following a short introduction to the basic prin-
ciples of the method a number of applications of KEM to complex
topics is presented and discussed. Bearing capacity of deep foot-
ings and of two adjacent interfering footings, the trap door prob-
lem and the ultimate load of plate anchors are studied. The po-
tential of optimizing the geometry of a slope is demonstrated and
approaches to take into account unsaturated soil conditions as
well as three dimensional effects are shown.
1 Einordnung und Vorgehensweise
Aufbauend auf den Arbeiten von Coulomb [1], Fellenius
[2], Karal [3] und Goldscheider [4], den Entwicklern der
unterschiedlichsten Lamellenverfahren, und vielen ande-
ren wurde die Kinematische-Elemente-Methode (KEM)
von Gussmann [5] erstmals vorgestellt und seitdem konti-
nuierlich weiterentwickelt [6], [7], [8], [9], [10], [11]. Die
KEM folgt dem kinematischen Grenzwertsatz der Plastizi-
tätstheorie. Entsprechend bilden die mit der KEM gewon-
nenen Lösungen eine obere Schranke und liegen a priori
auf der ingenieurmäßig unsicheren Seite. Liegt für das be-
trachtete Problem auch eine Lösung basierend auf dem
statischen Grenzwertsatz der Plastizitätstheorie vor, wel-
che eine untere Schranke darstellt, liegt die tatsächliche
Lösung zwischen den beiden gefundenen.
Die KEM folgt folgendem Schema: Zunächst ist ein
geeigneter, relativ einfacher Bruchmechanismus zu wäh-
len, unter welchem das System versagen könnte. Die Ent-
wicklung dieses Bruchmechanismus erfolgt dabei aus dem
Ingenieurverstand heraus, kann mit Versuchsergebnissen
und Erfahrung begründet sein oder auch durch Anpas-
sung an anders gefundene Lösungen. Der Bruchmechanis-
mus selbst besteht dabei aus einer Anzahl endlicher, in
sich starrer, ausschließlich durch Geraden begrenzter und
kinematisch verschieblicher Bruchkörper, den Elementen.
Die Kinematikberechnung (ohne Dilatanz) beruht auf ge-
nau zwei physikalischen Bedingungen:
– Alle Elemente erleiden – wegen geradliniger Begrenzun-
gen – nur translatorische Verschiebungen, also keine
Rotationen und keine Verformungen.
– Alle Normalkomponenten der Relativverschiebungen
zwischen benachbarten Elementen bzw. zwischen Ele-
menten und dem unbeeinflussten Bodenkörper müssen
zu null werden [8], [9].
Die Geometrie des Bruchmechanismus lässt sich über die
Koordinaten der Eckpunkte der Elemente eindeutig be-
schreiben, und damit können den einzelnen Elementen
und Rändern bodenmechanische Eigenschaften zugeord-
net werden. Relativbewegungen zwischen den Elementen
und zwischen den Elementen und dem unbeeinflussten
Bodenkörper erfolgen nur parallel zu den Elementrän-
dern.
Sind diese Voraussetzungen erfüllt, lassen sich durch
Lösung der Kinematik für vorzugebende Randverschie-
bungen eindeutig die Richtungen der Relativverschiebun-
gen in den einzelnen Rändern bestimmen. Damit können
die Richtungen der Widerstände aus der Scherfestigkeit
des Bodens heraus an den entsprechenden Elementrän-
dern festgelegt werden (entgegen der Relativbewegungen).
Für die Statik müssen aus der Kinematikberechnung nur
die Vorzeichen der Relativverschiebungen – inklusive des
Sonderfalls bei verschwindender Relativverschiebung –
übernommen werden. Dies kann zweckmäßig durch Ein-
führungen einer Sprungfunktion mit den Zahlenwerten
+1, 0, –1 erfolgen. In den Elementrändern gilt die Cou-
lombsche Bruchbedingung nach Gl. (1), wobei die Schub-
spannung τ und die totale Normalspannung σ sowie der
Die Methode der kinematischen Elemente
in der Geotechnik – aktuelle Entwicklungen
und Anwendungen
Peter Gußmann
Diethard König
Tom Schanz