Eigenvermögen: Ein sozialkognitiver Grundriss
Tarek el Sehity
,,Erst wenn ich Ressourcen als meine eigenen erkenne, werden sie zu einem Vermögen, das ich erschließen und
entwickeln kann - und das mir die Möglichkeit gibt, etWas zu bewirken." (Druyen 2007: S. 10)
Mit dieser einleitenden Stelle aus den Goldkindern legt Thomas Druyen die zentralen Kom-
ponenten dessen dar, was Vermögen im vermögenskulturellen Sinn bedeutet: Ressourcen, die
in einem Prozess der Aneignung in das Handlungspotenzial einer Person integriert werden.
Im vorliegenden Beitrag soll es darum gehen, die diesem Vermögensbegriffzugrundeliegen-
den Konzeptionen des Eigenen und der Ressource näher zu bestinunen. Die Verwendung bei-
der Konzepte, nicht nur im Alltag sondern auch in den Sozialwissenschaften, beruht auf ei-
ner Reihe von expliziten und impliziten Annahmen, die in einem Forschungsbereich wie der
Vermögenskultur auf ihre Bedeutung und Gültigkeit zu überprüfen sind.
Bedenkt man, dass dem Ressourcenkonzept der Ökonomie die Annahme der Knappheit
zugrundegelegt ist, wird deutlich, dass diese konzeptionelle Voraussetzung nicht ohne Weite-
res auf den Gegenstand der Vermögenskulturforschung übertragen werden kann. Auch wenn
die Annahme der Ressourcenknappheit makroökonomisch weitgehend einem gültigen Sach-
verhalt entsprechen mag, so ist ihre Gültigkeit auf der individuellen Ebene zumindest bei et-
was weniger als einem Prozent der Bevölkerung aufgehoben. Dies hat zur Folge, dass das
weite Spektrum an Daten und Modellen aus den bisherigen Studien zum sozialen und insbe-
sondere ökonomischen Verhalten des Menschen von der Vermögenskulturfoschung nicht di-
rekt herangezogen werden können, um die Lebensbedingungen jener Menschen zu erfassen,
die auch den Gegenstand der Reichtumsforschung bilden. Unter der eindeutigen Abwesen-
heit materieller Knappheit verfUgen diese Menschen über einen Lebensraum, in dem das in-
dividuelle Handeln nicht mehr grundsätzlich über die materielle Knappheit beschrieben und
erklärt werden kann. Was motiviert Menschen unter diesen Lebensbedingungen zu ihrem
Handeln? Worin liegt die Bedeutung ihres Unternehmens wenn "Gewinnmaximierung" als
Motiv vor dem Hintergrund des bereits Gewonnenen formal leer oder auch inhaltlich paradox
wird? Diese offenen Fragen formulieren teleologische Probleme, Fragen nach dem Sinn, und
vielleicht lassen sie auch ein eschatologisches Problem erkennen, die Frage nach den letzten
Dingen. Die Antworten werden von den Vermögenden selbst zu formulieren sein, ftir ein ad-
äquates Verständnis dieser Fragen ist es jedoch unabdingbar, den Begriffund das Phänomen
Vermögen tiefergehend zu analysieren.
Im vorliegenden Beitrag soll es darum gehen, eine positive Erörterung dessen, was ge-
meinhin als Ressourcen bezeichnet wird, vorzunehmen. "Positiv" meint hierbei, dass wir im
T. Druyen (Hrsg.) DOI 10.1007/978-3-531-92086-3_5,
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, Vermögenskultur,