/ ARTICLES / 58 OPERA HISTORICA • ROČNÍK 23 • 2022 • č. 1 Athenae Rauricae und Königliche Republik der polnischen Krone und des Großfürstentums Litauen Soziales Netzwerk eines Basler Bürgers im 17. Jahrhundert ROBERT T. TOMCZAK Der frühneuzeitliche Mensch – verschiedene Kommunikationsformen nutzend und diese laufend technologisch weiterentwickelnd – schafte es relativ schnell, den „ersten Feind“ – die Entfernung – zu bewältigen. Dadurch war er imstande, sukzessive Raum und Zeit zu erobern, wodurch seine „Welt“ wesentlich kleiner als bisher wurde. 1 Kauf- leute, Diplomaten, Gelehrte, Studenten und schließlich gewöhnliche Leute konnten sichere Reisen über große Entfernungen unternehmen, wodurch sie ihre Gewinne, ihre Macht steigern oder ihr Wissen entwickeln konnten. Sie bauten dadurch grenzübergrei- fende soziale Netzwerke auf, wie etwa die Republiken der Gelehrten oder Netzwerke von geschäftlichen und wissenschaftlichen Kontakten. Dank der ständigen Entwicklung dieser Verknüpfungen, war der dauerhafte Aufbau von Beziehungen zwischen we- sentlich voneinander entfernten Staaten möglich – sowohl in geografscher als auch in religiöser, gesellschaftlicher oder politischer Hinsicht. Der Ausgangspunkt zur Erforschung dieser interessanten Verknüpfungen sind zahl- reiche Kategorien von Quellen, unter denen die Tagebücher, Journale, Briefe und vor allem Stammbücher (alba amicorum) die Wichtigsten sind. Das Stammbuch als Gegen- stand, aber auch aktiver Teilnehmer zahlreicher Verknüpfungen, nahm in wesentlichem Maße am Aufbau der zwischenmenschlichen Beziehungen teil (Konzept der Hand- lungsmacht der Dinge), und wurde in der frühneuzeitlichen Periode zu einer eigenen Art von sozialem Medium. 2 Ein hervorragendes Beispiel für einen der Fäden dieses ausgebauten sozialen Netzwerks waren die seit dem 16. Jahrhundert zwischen Basel in der Schweiz und Polen-Litauen entwickelten Bildungskontakte. Das wichtigste Ziel dieses Artikels ist somit die Darstellung des üppigen sozialen Netzwerks, das diese zwei entfernten Staatsorganismen im 17. Jahrhundert verband, wozu das außergewöhnliche Stammbuch des Basler Bürgers Reinhard Wasserhun diente. 1 Fernand Braduel, Te Mediterranean and the Mediterranean World in the Age of Philip II I, New York 1972, S. 355, 387. 2 Bruno Latour, Where Are the Missing Masses? Sociology of a Few Mundane Artefacts, in: Deborah G. Johnson – Jameson M. Wetmore (edd.), Technology and Society, Building Our Sociotechnical Future, Cambridge 2008, S. 151–180.