If the Kids are United: Rassismus und Antifaschismus im Punk- und Skinheadmilieu in Tschechien und der Slowakei in der ersten postsozialistischen Dekade Ondřej Daniel und Miroslav Michela 1 Zu Beginn der 1990er-Jahre gewann die Prager Skinhead-Gruppe Orlík mit ihrem ersten Studioalbum („Oi! – Miloš Frýba for president“, 1990), wenn nicht eine ganze Generation, dann zumindest einen signifikanten Einfluss unter den jungen Tschechoslowaken. Rund 150 000 Tonträger wurden verkauft, was die sofortige Platzierung der bis dato noch wenig bekannten Band in den landes- weiten Charts zur Folge hatte. Dass auf diese Weise die Musik und Ästhetik der Skinheads in den Mainstream der tschechoslowakischen Populärkultur vordran- gen, war einerseits den revolutionären politischen Veränderungen des Winters 1989/90 geschuldet, in dessen Kontext die Alternativkulturen des späten Staats- sozialismus enorme mediale Aufmerksamkeit und Bedeutung erhielten. Ande- rerseits profitierte die Band auch davon, dass zwei ihrer Mitglieder als Schau- spieler aus dem Fernsehen der späten achtziger Jahre bekannt waren. Trotz ihrer steigenden Popularität in der breiten tschechoslowakischen Öffentlichkeit gab die Band dabei wichtige Elemente der Skinhead-Subkultur, die in den britischen Arbeitermilieus der späten 1960er-Jahre entstanden war, wie etwa die Zelebrie- rung von Gewalt, nicht auf. In der Tschechoslowakei folgten die Skinheads 1990 bereits der politisierten Version des Stils der 1980er-Jahre, der sich sowohl auf die britische als auch auf die kontinentaleuropäische Ultrarechte berief. Innerhalb weniger Monate ver- breitete sich dank Orlík das Bewusstsein über gewaltsame Übergriffe rassisti- scher Skinheads gegen Roma und Migranten unter den immer zahlreicher wer- denden (und immer jüngeren) Anhängern sowie sich allmählich formierenden 1 Dieser Beitrag ist das Ergebnis der Forschung, die von der Zuschussagentur der Tschechi- schen Republik im Rahmen des Projektes GA ČR P410/20-24091S „Wunderschöne neue Welt: Jugend, Musik und Klasse im tschechischen Postsozialismus“ unterstützt wurde.