ZfSI 49 (2004) 4, 420-433 Michal Stehlík, Michal Lukes Die Sprachenfrage in der Ersten Tschechoslowakischen Republik: Ausgangssituation und Kodifizierungsbestrebungen der slowakischen Sprache am Beispiel Vaclav Vaznys Summary The article is concerned with the shared history of Czech and Slovak languages. The authors examine the language situation before, during and after the First Czechoslovak Republic (1918-1938). The starting point is the assumption that both, the different historical conditions as well as the linguistic and ethnical diversity, led to the differences that we currently have. The study concerns language planning during the period of the First Czechoslovak Republic. It focuses on the attempted codification of the Slovak language by Václav Váiny. Tschechen und Slowaken in der ersten gemeinsamen Republik: Die Sprachenfrage vor dem historischen Hintergrund der ethnischen und sprachlichen Situation Die Beziehungen zwischen Tschechen und Slowaken vor dem Jahr 1918 sind ein sehr komplexes Thema, in dem sich politische, wirtschaftliche, literarische und selbstverständ- lich auch sprachliche Fragen wieder finden. Jede Seite geht dabei oft von verschiedenen Voraussetzungen aus, von unterschiedlichen Traditionen und demzufolge auch unter- schiedlichen Ergebnissen. Allein durch ihre Verbindung können wir jedoch die grundle- genden Prämissen erfassen, unter denen die beiden Völker im Jahre 1918 einen gemein- samen Staat gründeten. Deshalb konzentriert sich dieser Beitrag über die Grundlagen des tschechisch-slowakischen Sprachproblems in der Ersten Republik auf die Verankerung der gegenseitigen Beziehungen zwischen Tschechen und Slowaken im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dazu zunächst folgende grundlegende Thesen: These I: Unterschiedlichkeit Die offenkundige Unterschiedlichkeit der gesellschaftlichen Entwicklung beider Völker vor dem Jahr 1918 betrifft alle Bereiche der gegenseitigen Beziehungen. Sie begegnet uns praktisch in allen Lebenssphären der Tschechen und Slowaken, und in vielerlei Hinsicht liegt in ihr der Schlüssel zum Verständnis gewisser gegenseitiger Missverständnisse nach 1918 verborgen. These II: Die Sprache als Bindeglied Die zweite These berührt unmittelbar die Sprachenfrage. Obwohl beide Völker über Jahr- hunderte hinweg praktisch getrennt lebten, stellt die Sprache seit dem 15. bzw. 16. Jahrhundert ein starkes Bindeglied dar. Die ethnische Verwandtschaft beider Völker war so einzigartig, dass die tschechische Sprache der Kralitzer Bibel zur allgemein üblichen Schriftsprache der slowakischen Protestanten werden konnte, wie auch des slowakischen Ethnikums insgesamt. Brought to you by | New York University Bobst Library Technical Services Authenticated Download Date | 5/20/15 12:44 AM