Deutsches Ärzteblatt | Jg. 116 | Heft 18 | 3. Mai 2019 311 MEDIZIN Übersichtsarbeit Applikation von Aktivkohle bei Vergiftungen Tobias Zellner, Dagmar Prasa, Elke Färber, Petra Hoffmann-Walbeck, Dieter Genser, Florian Eyer V ergiftungen sind ein häufiges Krankheitsbild mit unterschiedlichen Ätiologien und Noxen. Laut Statistischem Bundesamt wurden 2016 in Deutschland 178 425 Vergiftungsfälle im Krankenhaus behandelt (1, 2). Häufig wird ein Giftinformationszen- trum (GIZ) zur konsiliarisch-toxikologischen Beratung von medizinischem Fachpersonal (Rettungsdienst, nie- dergelassene Ärzte, Klinikärzte sowie Apotheker), aber auch von Bürgerinnen und Bürgern kontaktiert. Zur pri- mären Giftentfernung einer potenziell schädigenden Substanz spielt die Indikationsstellung zur Gabe von Aktivkohle – auch als medizinische Kohle, Medizinal- kohle oder Carbo medicinalis bekannt – eine große Rolle. Aktivkohle wurde 2013 im US-amerikanischen Raum bei Vergiftungen im Kindesalter in 0,89 % der Vergiftungsfälle appliziert. Insgesamt wurde sie im glei- chen Jahr bei circa 50 000 Patienten aller Altersgruppen empfohlen (3, 4). In allen deutschsprachigen GIZ wurde 2016 insgesamt bei 268 787 Vergiftungsfälle aller Al- tersgruppen beraten, dabei wurde in 4,37 % der Fälle die Gabe von Aktivkohle empfohlen. Aktivkohle wird von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in der Lis- te der unentbehrlichen Arzneimittel geführt (5). Die Mitführung im Rettungsdienst wird unter anderem in der „Antidota-Empfehlung für eine einheitliche Vorhal- tung“ des Rettungsdienstausschusses Bayern angeraten (6). In der „Bremer Liste“ werden bei Vergiftungen für den Rettungsdienst fünf Substanzen zur Mitführung empfohlen, eine davon ist Aktivkohle (7). Aktivkohle kann von Laien ohne Verschreibung in Apotheken er- worben und unter strenger Indikationsstellung nach Rücksprache mit einem GIZ appliziert werden (8). Eine international gültige Leitlinie zur Aktivkohle- gabe bei Vergiftungen existiert nicht. Die umfassends- ten Arbeiten sind die Positionspapiere der American Academy of Clinical Toxicology (AACT) und der Eu- ropean Association of Poisons Centres and Clinical Toxicologists (EAPCCT) zum Thema „Single-dose activated charcoal“ von 1997 und 2005 (9, 10) und „Multi-dose activated charcoal in the treatment of acute poisoning“ von 1999 (11). Randomisierte kontrollierte Studien können bei Vergiftungen aus ethischen Beden- ken kaum durchgeführt werden, daher stammen die Da- ten meist aus In-vitro-Studien, Tierversuchen, Studien mit freiwilligen Probanden, Fallberichten, klinischen Fallserien oder Beobachtungsstudien. Die einzigen Zusammenfassung Hintergrund: In Deutschland wurden im Jahr 2016 laut statistischem Bundesamt 178 425 Vergiftungsfälle im Krankenhaus behandelt. Die deutschsprachigen Giftin- formationszentren berieten in diesem Zeitraum 268 787 Vergiftungsfälle, wobei in 4,37 % der Fälle die Gabe von Aktivkohle empfohlen wurde. Bei Vergiftungen spielt die Applikation von Aktivkohle als primäre und sekundäre Giftentfernung eine große Rolle. Dieser Beitrag gibt eine Übersicht über die Wirkungsweise, Indikation, Kon- traindikationen, Arten der Applikation und Dosierungen der Aktivkohle. Methode: Es erfolgte eine selektive Literaturrecherche in PubMed. Zudem wurde die Meinung von Experten der deutschsprachigen Giftinformationszentren in die Auswertung der Daten miteinbezogen. Ergebnis: Die Indikation für eine Aktivkohlegabe ist eine vorliegende mittelschwere bis lebensbedrohliche Vergiftung. Die Applikation sollte frühestmöglich innerhalb ei- ner Stunde, bei Retardpräparaten bis zu 6 Stunden nach Ingestion erfolgen. Zu den wichtigsten Kontraindikationen gehört eine Bewusstseinseintrübung mit Aspirations- gefahr ohne vorherige Sicherung der Atemwege. Bei einer Vergiftung mit Säuren/ Laugen, Alkoholen, organischen Lösungsmitteln, anorganischen Salzen oder Metal- len ist Aktivkohle nicht oder unzureichend wirksam. Als Dosierung sollte ein 10- bis 40-facher Überschuss zur Noxe oder 0,5–1 g/kg Körpergewicht bei Kindern oder 50 g bei Erwachsenen gewählt werden. Eine wiederholte Aktivkohlegabe ist bei Noxen mit langer Verweildauer im Magen, Retardpräparaten oder Noxen mit ausge- prägtem entero-hepatischen und/oder entero-enterischen Kreislauf indiziert. Eine routinemäßige Kombination mit einem Laxans ist nicht empfohlen. Schlussfolgerung: Trotz einer hohen Prävalenz von Vergiftungen existiert keine in- ternational gültige Leitlinie zur Aktivkohlegabe. Die Applikation erfordert eine genaue Nutzen-Risiko-Analyse, dazu sollte ein Giftinformationszentrum kontaktiert werden. Zitierweise Zellner T, Prasa D, Färber E, Hoffmann-Walbeck P, Genser D, Eyer F: The use of activated charcoal to treat intoxications. Dtsch Arztebl Int 2019; 116: 311–7. DOI: 10.3238/arztebl.2019.0311 Klinik und Poliklinik für Innere Medizin II, Abteilung für Klinische Toxikologie & Giftnotruf München, Klinikum rechts der Isar, Fakultät für Medizin, Technische Universität München: Dr. med. Tobias Zellner, Prof. Dr. med. Florian Eyer Gemeinsames Giftinformationszentrum der Länder Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, Erfurt: Dr. rer. nat. Dagmar Prasa Giftinformationszentrum-Nord der Länder Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein (GIZ-Nord), Universitätsmedizin Göttingen, Georg-August-Universität Göttingen: Dr. med. Elke Färber Giftnotruf Berlin, Charité, Universitätsmedizin Berlin: Dr. med. Petra Hoffmann-Walbeck Vergiftungsinformationszentrale Wien, Gesundheit Österreich GmbH: Dr. med. Dr. rer. nat. Dieter Genser