übersicht Psychiatr Psychother (2011) 7/3: 98-109 DOI 10.1007/s11326-011-0170-9 © Springer-Verlag 2011 Printed in Austria Therapieadhärenz bei Schizophrenie-Patienten W. Wolfgang Fleischhacker 1 , Christine Allen 2 , Andreas Erfurth 3 , Alex Hofer 4 , Michael Lehofer 5 , Josef Marksteiner 6 , Michael Musalek 7 , Georg Psota 8 , Hans-Bernd Rothenhäusler 9 , Werner Schöny 10 , Christoph Stuppäck 11 und Johannes Wancata 12 1 Department für Psychiatrie und Psychotherapie, Medizinische Universität Innsbruck, Innsbruck, Österreich; 2 Fachärztin für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, Wien, Österreich; 3 6. Psychiatrische Abteilung, Sozialmedizinisches Zentrum Baumgartner Höhe, Otto-Wagner-Spital und Pflegezentrum, Wien, Österreich; 4 Universitätsklinik für Biologische Psychiatrie, Department für Psychiatrie und Psychotherapie, Medizinische Universität Innsbruck, Innsbruck, Österreich; 5 Landesnervenklinik Sigmund Freud, Graz, Österreich; 6 Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie A, Landeskrankenhaus Hall, Österreich; 7 Anton Proksch Institut Wien, Österreich; 8 Psycho- sozialer Dienst, Wien, Österreich; 9 Universitätsklinik für Psychiatrie, Medizinische Universität Graz, Graz, Österreich; 10 Landes-Nerven- klinik Wagner-Jauregg, Linz, Österreich; 11 Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie l, Christian-Doppler-Klinik, Paracelsus Medizinische Privatuniversität, Salzburg, Österreich; 12 Klinische Abteilung für Sozialpsychiatrie, Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Medizinische Universität Wien, Wien, Österreich Eingegangen am 6. Juli 2011, angenommen am 1. September 2011 Treatment adherence in schizophrenia patients Summary: Te extent to which patients adhere to recom- mended therapeutic measures is one of the key challenges for all medical disciplines [1]. It concerns all pharmacological and nonpharmacological therapies. It is a well known fact that patients with psychiatric disorders have great difculties to adhere to therapeutic regimens. On the other hand they would substantially proft from adhering to medication [2, 3]. Tis manuscript focuses on treatment adherence in patients sufering from schizophrenia. As adherence problems with regard to the regular intake of medication is one of the key problems in the management of schizophrenia [4] we focus on this specifc aspect. Key words: Adherence, compliance, schizophrenia, treat- ment Zusammenfassung: Das Ausmaß, in dem Patienten den ih- nen verordneten und empfohlenen Behandlungsmaßnah- men folgen, ist eines der wichtigsten Anliegen eines jeden medizinischen Fachgebiets [1] und betrift generell alle phar- makologischen und nicht-pharmakologischen therapeuti- schen Angebote. Patienten mit psychischen Erkrankungen haben bekanntermaßen große Schwierigkeiten, einem medi- kamentösen Behandlungsregime zu folgen, aber auch das größte Potenzial, von der medikamentösen Adhärenz zu pro- ftieren [2, 3]. In der vorliegenden Publikation wird die Tera- pieadhärenz bei Patienten mit Schizophrenie beleuchtet. Da suboptimale Adhärenz hinsichtlich Einnahme der Medikati- on eines der Hauptprobleme in der Behandlung von schizo- phrenen Patienten darstellt [4], wird im vorliegenden Strate- giepapier vor allem die medikamentöse Terapieadhärenz abgehandelt. Schlüsselwörter: Adherenz, Compliance, Schizophrenie, Be- handlung Einleitung Untersuchungen zeigen, dass etwa 40–50 % der Medikamente nicht so eingenommen oder verschrieben werden, dass die anvisierten Terapieziele erreicht werden [5]. Über 10 % aller chronisch kranken Patienten unterlassen eine oder mehrere Medikamenteneinnahmen pro Tag, wobei ein Drittel der Pati- enten angibt, innerhalb des letzten Monats zumindest einmal ihre Medikation nicht eingenommen zu haben [6, 7]. Gemäß Schätzungen beträgt die Rate der Terapieabbrüche bei chro- nisch Kranken innerhalb des ersten Jahres 50 %; bei Patienten mit psychischen Erkrankungen liegt dieser Anteil bei 30–80 % [5]. Im Bereich der schizophrenen Erkrankungen weist zu- mindest ein Drittel aller Patienten pro Behandlungsjahr signi- fkante Probleme mit der Terapieadhärenz auf: Für stationär betreute schizophrene Patienten werden Non-Adhärenzraten von 10–30 % berichtet, während die Non-Adhärenz bei außer- stationär betreuten Patienten mit durchschnittlich 40–50 % angegeben wird [8]. Bei First-episode-Patienten wurde inner- halb des ersten Behandlungsjahrs sogar eine Non-Adhärenz- rate von 59 % dokumentiert [9]. In der klinischen Praxis erweist sich der Behandlungs- verlauf der Schizophrenie im Vergleich zu den Wirksamkeits- daten antipsychotischer Terapien in klinischen Studien als weitaus weniger günstig, und die tatsächlichen Rückfallsraten sind drastisch höher als erwartet, wobei dieser Unterschied zumindest partiell auf die Abnahme der Terapieadhärenz Univ.-Prof. Dr. W. Wolfgang Fleischhacker, Department für Psychiatrie und Psychotherapie, Medizinische Universität Innsbruck, Anichstraße 35, 6020 Innsbruck, Österreich, E-Mail: wolfgang.feischhacker@i-med.ac.at 3/2011 ADHES-Initiative psychiatrie & psychotherapie 98 © Springer-Verlag psychiatrie & psychotherapie