Katharina Grätz Evidenz des Musealen Die ästhetische Wiederkehr der Antike in Stifters Nachsommer Als Adalbert Stifters Roman Der Nachsommer 1857 erscheint, hat das Bild der klassischen Antike, wie es durch Winckelmann und Goethe einen hohen Grad der Verbindlichkeit erhalten hatte, längst an Faszination und norma- tiver Kraft eingebüßt. Im Gefolge des Historismus, der jeder Epoche ihr Ei- genrecht zuerkannte, waren historische Vorstellungen an die Stelle normati- ver getreten. In Stifters Nachsommer ist davon freilich nur wenig zu spüren. Der Roman wendet sich ostentativ gegen aktuelle Zeittendenzen und scheint für ein Festhalten an einer zeitlos-idealen Antike einzutreten. Die ausführ- lichen Gespräche, die der Ich-Erzähler Heinrich Drendorf mit seinem Gast- geber Risach über antike Kunst führt, wiederholen und zementieren über- kommene Auffassungen. In Superlativen beschwört Risach Größe und Ein- fachheit der antiken Kunst; er nennt die griechische Dichtung »das Höchste« und »was die Griechen in der Bildnerei geschaffen haben, […] das Schönste, welches auf der Welt« überhaupt bestehe (N 2, S. 159). 1 Stifters Antike ori- entiert sich, wie in der Forschung einhellig anerkannt, an Leitvorstellungen Winckelmanns, 2 und die im Nachsommer geführten Kunstgespräche treten in die Spuren der ästhetischen Debatten des ausgehenden 18. Jahrhunderts.  1 Adalbert Stifter: Werke und Briefe. Historisch-Kritische Gesamtausgabe. Im Auftrag der Kommission für Neuere Deutsche Literatur der Bayerischen Akademie der Wissenschaf- ten hg. v. Alfred Doppler u. Wolfgang Frühwald. Stuttgart 1978ff. Bd. 4, Teilbände 1–3: Der Nachsommer. Eine Erzählung. Hg. v. Wolfgang Frühwald u. Walter Hettche. Stuttgart 1997-2000. Hier wie im Folgenden wird Der Nachsommer als Sigle N mit arabischen Teil- band- und Seitenzahlen nachgewiesen. 2 Schon Herbert Seidler betonte: »Das Antikenbild, das Stifter entwirft, ist eindeutig das Win- ckelmanns und Goethes, und es steht auch unter dem Leitwort von der edlen Einfalt und stillen Größe« (H. Seidler: Die Bedeutung der Mitte in Stifters Nachsommer. In: VASILO 6 (1957), S. 59-86, hier S. 61). Zum Winckelmann-Bezug siehe auch Heinz Schlaffer (Han- nelore Schlaffer u. H. Schlaffer: Studien zum ästhetischen Historismus. Frankfurt a. M. 1975, S. 118) und neuerdings Gabriella Catalano: Griechische Spuren in Stifters Nachsommer. In: Gilbert Heß, Elena Agazzi u. Elisabeth Décultot (Hg.): Graecomania. Der europäische Philhellenismus. Berlin 2009, S. 99-115, hier S. 104. In: Ernst Osterkamp, Thorsten Valk (Hrsg.): Imagination und Evidenz. Transformationen der Antike im ästhetischen Historismus. Berlin / Boston 2011, S. 217-235.