721 THEOLOGISCHE LITERATURZEITUNG 141(2016)7/8 722 Barbara Schmitz Tradition und (Er-)Neuerung Die Rede von Gott in jüdisch-hellenistischer Literatur »JHWH ist König auf immer und ewig!« (Ex i5,18MT)- mit diesen Worten endet Moses Siegeslied nach der Rettung Israels am Schilf- meer. In diesem wird das Königsein JHWHs mit der konkreten Rettungserfahrung zusammengebunden, indem es ein zentrales Konzept des Gottesverständnisses im Alten Testament program- matisch an das Ende des Liedes stellt: JHWH wird als König ver- standen, der für Recht und Gerechtigkeit ebenso sorgt wie für Schutz und Rettung (vgl. JHWH-Königs-Psalmen Ps 93; 95-99 MT; vgl. auchJes 6,s; 1Chr 16,31; Ps 9,37; 23,7 f.; 28,10; 43,5; 73,12LXX etc.). Die Rede von Gott als König hat sich in der Begegnung mit den Kul- turen und politischen Systemen in der Um weit entwickelt.' So hat sowohl die Transformation von Chaoskampfmotiven dazu beige- tragen, die Rede von JHWH als König Israels und der Völker und sei- ne Herrschaft vom Zion zu profilieren, als auch die Auseinander- setzungen mit den Herrschaftskonzepten der assyrischen 2 , babylo- nischen und persischenJ Großmächte. Diese haben dazu geführt, dass die Rede von JHWH als König unter den gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Bedingungen des erlebten politischen Königtums jeweils neu gefüllt wurde. So war das politische König- tum eine Orientierungsgröße und ein Leitbild, das in Abgrenzung, Modifikation oder Übernahme die theologische Rede vom König- tum Gottes inspiriert und geformt hat. Dieser Prozess setzte sich in hellenistischer Zeit fort: Die Kon- frontation mit den neuen Herrschaftskonzepten seit Alexander dem Großen führte ebenso wie zuvor - so die These dieses Beitrags - zu Veränderungen in der Rede von Gott als König. Diese ergaben sich aus der Begegnung mit dem hellenistischen Königtum, das sich in seiner spezifischen Form nach dem Tod Alexanders heraus- gebildet hat. Die Rede von Gott als König und dem Königtum Gottes findet sich in den jüngeren Büchern des Alten Testaments und in der außerbiblischen Literatur häufig;4 dies zeigen nicht nur beispiels- weise das BuchDaniel(Dan 2,44; 3,33;4,3i.34; 6,27etc.) oder die sage- 1) Vgl. grundlegend Kreuzer, Siegfried/Klappert, Bernd, ßamAEuc:;, in: ThBNT II, 2000, 1480-1497; Jeremias, Jörg, Königtum Gottes, in: NBL 2, Düsseldorf/Zürich 1995, 520-522; Jeremias, Jörg, Das Königtum Gottes in den Psalmen. Israels Be- gegnungen mit dem kanaanäischen Mythos in den Jahwe-König-Psalmen (FRLANT 141), Göttingen 1987; Spieckermann, Hermann, Heilsgegenwart. Eine Theologie der Psalmen (FRLANT 148), Göttingen 1989; T. Rajak/S. Pearce/J. Ait- ken/J. Dines (Hrsg. ), Jewish Perspectives on Hellenistic Rulers (Hellenistic Cul- ture and Society 50), Berkeley 2007. 2) Vgl. hierzu Hartenstein, Friedhelm, »Wehe, ein Tosen vieler Völker« Uesaja 17,12). Beobachtungen zur Entstehung der Zionstradition vor dem Hintergrund des judäisch-assyrischen Kulturkontakts, in: F. Hartenstein (Hrsg.), Das Archiv des verborgenen Gottes (BThSt 74), Neukirchen-Vluyn 2011, 127-176. 3) Vgl. hierzu Ego, Beate, Vom Völkerchaos zum Völkerkosmos . Zu einem Aspekt der Jerusalemer Kultkonzeption, in: A. Grund/A. Krüger/F. Lippke (Hrsg.), »Ich will dir danken unter den Völkern«. Studien zur israelitischen und altorien- talischen Gebetsliteratur. Festschrift für Bernd Janowski zum 70. Geburtstag, Gü- tersloh 2013, 123-141 . 4) S. dazu grundlegend: Camponovo, Odo, Königtum, Königsherrschaft und Reich Gottes in den frühjüdischen Schriften (OBO 58), Fribourg 1984. nannten Sabbat-Lieder von Qumran5, sondern auch die Schriften der Septuaginta (LXX). So beginnt Mordechai sein Gebet in der grie- chischen Langfassung der Estererzählung mit JJHerr, Herr, König, Herrscher über alles!« (B-Est C 1), und Judit spricht Gott als JJKönig der ganzen Schöpfung« an Udt 9,12). Die Frage, wie sich das Verständnis von dem Gott Israels als König unter den zeitgenössischen Umständen und in Begegnung mit den Konzepten hellenistischer Königsherrschaft verändert und modifiziert hat, wird im Folgenden vor allem mit Blick auf die Schriften der Septuaginta, besonders mit Blick auf die sogenannten deuterokanonischen Schriften, nachgezeichnet. Auch wenn Alex- ander der Große nur wenige explizite Spuren in der biblischen Überlieferung hinterlassen hat,6- welche konzeptionellen Auswir- kungen hat das hellenistische Königtum auf die Rede von Gott? Welche Bilder, welche Motive, welche Konzepte werden im 3. und 2. Jh. v. Chr. im Hinblick auf das Königtum aktualisiert? Wo und wie haben diese die Rede von dem Gott Israels als König verändert oder beeinflusst? Wie haben sich traditionale Elemente mit neuen Akzenten verbunden? 1 Hellenistisches Königtum Es ist nicht nur der Eroberungsfeldzug Alexanders, der die antike Welt grundlegend verändert hat, es ist vielmehr auch die mit sei- nem Tod verbundene und notwendig gewordene Neuordnung der politischen Landkarte. Die territoriale Aufteilung der verschiede- nen, zum Teil nur lose unter Alexanders Kontrolle gebrachten Gebiete und die Frage nach der Nachfolge Alexanders haben nicht nur zu zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem Tod Alexanders 323 v. Chr. und der Schlacht bei Ipsos 301 v. Chr. geführt, sondern hat auch in vielfacher Hinsicht die ent- stehenden hellenistischen Königreiche und das Selbstverständnis ihrer Könige mitgeprägt. In den Auseinandersetzungen um die sich herauskristallisierenden selbständigen Monarchien, wie in Ägypten unter den Ptolemäern und in Nordsyrien und Babylonien unter den Seleukiden, kam es auch zur Annahme des Königstitels der aus Makedonien stammenden ehemaligen Generäle Alexan- ders. Damit ergab sich ein Legitimationsproblem der neuen Köni- ge, die keine dynastische Herkunft vorweisen konnten, sondern letztlich Usurpatoren waren. Wie also konnten sie ihre Herrschaft legitimieren, um tatsächlich Akzeptanz zu erfahren? 5) S. hierzu Schwemer, Anna Maria, Gott als König und seine Königsherrschaft in den Sabbatliedern von Qumran, in: M. Hengel/A. M. Schwemer (Hrsg.), Kö- nigsherrschaft Gottes und himmlischer Kult in Jerusalem, Urchristentum und in der hellenistischen Welt (WUNT 55), Tübingen 1991, 45-118. 6) S. dazu Ego, Beate, Alexander der Große in der alttestamentlichen Überlie- ferung - eine Spurensuche und ihre theologischen Implikationen, in: C. Maier (Hrsg.), Congress Volume Munich 2013, Leiden/Boston 2014, 18-42.