Barbara Schmitz Die Juditerzählung – eine Rezeption von Dan 3 LXX ? Die Juditerzählung und das Danielbuch sind – auf den ersten Blick – so unterschiedliche Schriften, dass eine Beziehung zwischen ihnen anzuneh- men wenig plausibel erscheint: auf der einen Seite die Juditerzählung, eine sex and crime-Geschichte, die schillernd und ambivalent die Geschichte der Bedrohung und Rettung Israels durch die schöne Judit mit einem Hap- py End erzählt; auf der anderen Seite eine gewachsene, mehrsprachige, apokalyptische Schrift mit brutalen Ermordungsversuchen, wundersamen Rettungen und verstörenden Visionsschilderungen. 1. Allgemeine Bezüge zwischen der Juditerzählung und dem Danielbuch Trotz dieser grundlegenden Divergenzen zwischen der Juditerzählung und dem Danielbuch gibt es aber auch grundlegende Gemeinsamkeiten: Die literarische Textwelt der Juditerzählung ist wie die des Danielbuches in der Zeit Nabuchodonosors situiert. Während die Erzählkonstruktion des Da- nielbuchs bei der Eroberung Jerusalems und bei den in Babylonien Exilier- ten einsetzt und dann über die einander ablösenden Weltreiche Babylon, Medien, Persien und Griechenland fortgesetzt wird, werden in der Juditer- zählung statt der sukzessiven Abfolge die unterschiedlichen Epochen der Geschichte Israels in ein einziges Geschehen zusammengezogen: Die Ju- diterzählung setzt mit dem Protagonisten Nabuchodonosor ein, der als in Ninive residierender König der Assyrer vorgestellt wird, der den Meder- könig Arphaxad besiegt, über ein Reich herrscht, das die Dimensionen des persischen Weltreichs hat und der, vergleichbar den hellenistischen Herr- schern, die Verehrung seiner Person als Gottheit einfordert. Durch diese Erzählkonstruktionen sind beide literarischen Texte als fiktionale Erzäh- lungen zu erkennen, die in historisierendem Gewand mit offensichtlich unmöglichen Angaben arbeiten, um in ihrer Fiktionalität für die Leserin- nen und Leser entzifferbar zu sein. 1 Darüber hinaus werden sowohl in der 1 Zu den historisch ‚falschen‘ Angaben vgl. BAUER, DIETER, Das Buch Daniel (NSK.AT 22), Stuttgart 1996, 25–26. brought to you by CORE View metadata, citation and similar papers at core.ac.uk provided by Online-Publikations-Server der Universität Würzburg