Bildung – Beruf 33 A n die Wand ihres Büros hat Britta Lifka ein Szenenfoto aus „Raumschiff Enterprise“ geheftet. Es zeigt den glatzköpfigen Captain Picard mit seiner Crew. Darunter steht das abgewandelte Motto der Science-Fiction-Serie: Wage Dich dahin, wo keine Frau zuvor gewesen ist. Die Collage ist nur ein Abschiedsgeschenk von ehemaligen Kollegen. Aber die Dia- loge in Lifkas Büro klingen tatsäch- lich wie Botschaften von einem an- deren Stern: „Ich denke wir haben ein Konsis- tenzproblem. Dieser Track hat in verschiedenen Releases verschieden viele File-changes.“ „Ist das unten schon bekannt?“ „Nein!“ „Das müssen wir kontrollieren.“ Britta Lifka, 30, arbeitet als Ma- nagerin in dem Softwareunterneh- men LHS Sema Telecoms. Ihr Uni- versum, das sind Assemblies und Quellcodes, relationale Datenban- ken und Unix-Plattformen, und ihr Heimatplanet, das ist die Physik. Vor fünf Jahren absolvierte sie ihre Physik-Diplomprüfungen an der Universität Mainz. Jobs für Physi- ker gab es nur wenige. „Es sah ziemlich mau aus“, erinnert sich Lifka. Nach mehrwöchiger Suche erhielt sie ein Angebot von LHS. Dann kamen Internet und Han- dy, und alles wurde anders. Aus EDV wurde IT, aus Softwarepro- grammen „Lösungen“, und überall klebt ein „e“ für electronic oder „m“ für mobile. Der Arbeitsmarkt steht Kopf: Die CEBIT veranstalte- te in diesem Jahr eine Jobbörse, auf der mehr als hundert IT-Unterneh- men um Absolventen buhlten. Die 20 000 Unternehmen, die in Deutschland Software entwickeln oder anpassen, suchen händerin- gend nach Spezialisten, drei viertel davon stellen Akademiker ein. Das Fraunhofer-Institut für Systemtech- nik und Innovationsforschung er- mittelte einen Bedarf von 28 000 Softwareentwicklern zur sofortigen Einstellung und 55 000 zur Einstel- lung in den nächsten Monaten, „konservativ geschätzt“. Von dem Mangel profitieren nicht nur Infor- matiker. Jedes fünfte IT-Unterneh- men mit Akademikern beschäftigt auch Physiker. Wer die Angebote von LHS stu- diert, kommt allerdings schnell ins Schleudern. Da wird etwa ein Ar- chitect for Software Engineering ge- sucht, ein Project Manager Software Engineering oder einfach ein Soft- ware Engineer. „In der ganzen Branche werden äußerst viele Titel generiert“, sagt Britta Lifka, auf de- ren Visitenkarte schlicht „Manager“ steht. Auch hinter dieser Bezeich- nung kann sich in der einen Firma eine Führungskraft verbergen, in der anderen ein Programmierer. Die Job-Beschreibung sollte man sich genau ansehen oder einfach der Personalabteilung seine Interessen mitteilen, rät Lifka. LHS Sema Telecoms verkauft unter anderem eine Software, mit der Telefongesellschaften und Netz- betreiber wie Vodafone, e-Plus und T-Mobil die Gesprächsdaten verar- beiten, Kundenprofile verwalten und Telefonrechnungen erstellen. Ob man eine SMS-Nachricht über das Handy verschickt, eine WAP- Seite aufruft oder einfach nur tele- foniert, LHS ist häufig mit von der Partie. Als Britta Lifka vor fünf Jah- ren ins Unternehmen kam, hatte LHS 160 Mitarbeiter. „Ich war kein wirklicher Computerfreak“, sagt sie. Im Physikstudium hatte Lifka Pas- cal programmiert, für einen Profes- sor ein Physikbuch in Latex gesetzt. Auf die Stelle bei LHS bewarb sie sich eher spontan, „ich wollte auf jeden Fall etwas Angewandtes ma- chen.“ Die Firma suchte einen Mit- arbeiter für die Dokumentation der Online-Hilfen – „für alles was man sieht, wenn man F1 drückt“. Heute residiert das Unternehmen in der Otto-Hahn-Straße in Drei- eich bei Frankfurt auf vier Etagen eines Büroblocks, gegenüber der Li- se-Meitner-Straße und neben der Einsteinstraße. Britta Lifka, die in ihrer Freizeit Motorrad fährt und E-Bass in einer Band spielt, leitet nach einer Zwischenstation im Cus- tomer-Support seit zwei Monaten die 16-köpfige Gruppe für Assembly und Datenbanken. Das Team stellt Updates der Software zusammen und organisiert die Auslieferung. Wenn die Kollegen von der Kun- denbetreuung eine neue Version für einen Kunden anfordern, besorgt sich die Assembly-Gruppe die ein- zelnen Programm-Komponenten von den Entwicklungsabteilungen, kompiliert den Quellcode und tes- tet das Programm. „Das ist knifflig“, sagt Lifka, schließlich müsse die Software auf vier verschiedenen Unix-Plattformen – HP, Sun, Com- paq und IBM – laufen. Ihren Alltag verbringt die Mana- gerin mit Email-Schreiben, Telefo- nieren und in Meetings. Sie trifft sich mit Kollegen vom Customer Support, wo die Fehlermeldungen eingehen, und diskutiert mit den Entwicklern, welche Aufgaben Priorität haben. Die tägliche Arbeit des Teams wird von Teamleitern koordiniert, die ihr unterstellt sind. Daher braucht Lifka nicht alle De- tails der Datenbank-Programmier- sprache SQL zu kennen. Aber sie kann mitreden, die Grundlagen lernte sie in einer Schulung. Zur Vorbereitung auf den Manager-Pos- ten besuchte sie Kurse in Personal- führung, Projektmanagement und Präsentation. Solche Karrieren sind unter Phy- sikern in der IT-Branche keine Aus- nahme. Sie leiten Projekte und übernehmen Managementaufgaben, ohne jemals längere Zeit am Quell- code programmiert zu haben. Die einschlägigen Begriffe sollten sie freilich kennen, von relationalen Datenbanken über objektorientierte Programmierung bis zu Sprachen Bits statt Baryonen In der IT-Branche sind Physikerinnen und Physiker gern gesehen – wer mehr als Programmieren will, muss teamfähig sein Max Rauner Physikalische Blätter 57 (2001) Nr. 5 0031-9279/01/0505-33 $17.50+50/0 © WILEY-VCH Verlag GmbH, D-69451 Weinheim, 2001 In diesem Jahr möchte das Soft- warehaus SAP mehrere hundert neue Stellen beset- zen. Mit ihm su- chen zahlreiche IT- Unternehmen hän- deringend nach Fachkräften (Foto: SAP)