Bildung – Beruf
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A
n die Wand ihres Büros hat
Britta Lifka ein Szenenfoto
aus „Raumschiff Enterprise“
geheftet. Es zeigt den glatzköpfigen
Captain Picard mit seiner Crew.
Darunter steht das abgewandelte
Motto der Science-Fiction-Serie:
Wage Dich dahin, wo keine Frau
zuvor gewesen ist. Die Collage ist
nur ein Abschiedsgeschenk von
ehemaligen Kollegen. Aber die Dia-
loge in Lifkas Büro klingen tatsäch-
lich wie Botschaften von einem an-
deren Stern:
„Ich denke wir haben ein Konsis-
tenzproblem. Dieser Track hat in
verschiedenen Releases verschieden
viele File-changes.“
„Ist das unten schon bekannt?“
„Nein!“
„Das müssen wir kontrollieren.“
Britta Lifka, 30, arbeitet als Ma-
nagerin in dem Softwareunterneh-
men LHS Sema Telecoms. Ihr Uni-
versum, das sind Assemblies und
Quellcodes, relationale Datenban-
ken und Unix-Plattformen, und ihr
Heimatplanet, das ist die Physik.
Vor fünf Jahren absolvierte sie ihre
Physik-Diplomprüfungen an der
Universität Mainz. Jobs für Physi-
ker gab es nur wenige. „Es sah
ziemlich mau aus“, erinnert sich
Lifka. Nach mehrwöchiger Suche
erhielt sie ein Angebot von LHS.
Dann kamen Internet und Han-
dy, und alles wurde anders. Aus
EDV wurde IT, aus Softwarepro-
grammen „Lösungen“, und überall
klebt ein „e“ für electronic oder
„m“ für mobile. Der Arbeitsmarkt
steht Kopf: Die CEBIT veranstalte-
te in diesem Jahr eine Jobbörse, auf
der mehr als hundert IT-Unterneh-
men um Absolventen buhlten. Die
20 000 Unternehmen, die in
Deutschland Software entwickeln
oder anpassen, suchen händerin-
gend nach Spezialisten, drei viertel
davon stellen Akademiker ein. Das
Fraunhofer-Institut für Systemtech-
nik und Innovationsforschung er-
mittelte einen Bedarf von 28 000
Softwareentwicklern zur sofortigen
Einstellung und 55 000 zur Einstel-
lung in den nächsten Monaten,
„konservativ geschätzt“. Von dem
Mangel profitieren nicht nur Infor-
matiker. Jedes fünfte IT-Unterneh-
men mit Akademikern beschäftigt
auch Physiker.
Wer die Angebote von LHS stu-
diert, kommt allerdings schnell ins
Schleudern. Da wird etwa ein Ar-
chitect for Software Engineering ge-
sucht, ein Project Manager Software
Engineering oder einfach ein Soft-
ware Engineer. „In der ganzen
Branche werden äußerst viele Titel
generiert“, sagt Britta Lifka, auf de-
ren Visitenkarte schlicht „Manager“
steht. Auch hinter dieser Bezeich-
nung kann sich in der einen Firma
eine Führungskraft verbergen, in
der anderen ein Programmierer. Die
Job-Beschreibung sollte man sich
genau ansehen oder einfach der
Personalabteilung seine Interessen
mitteilen, rät Lifka.
LHS Sema Telecoms verkauft
unter anderem eine Software, mit
der Telefongesellschaften und Netz-
betreiber wie Vodafone, e-Plus und
T-Mobil die Gesprächsdaten verar-
beiten, Kundenprofile verwalten
und Telefonrechnungen erstellen.
Ob man eine SMS-Nachricht über
das Handy verschickt, eine WAP-
Seite aufruft oder einfach nur tele-
foniert, LHS ist häufig mit von der
Partie. Als Britta Lifka vor fünf Jah-
ren ins Unternehmen kam, hatte
LHS 160 Mitarbeiter. „Ich war kein
wirklicher Computerfreak“, sagt sie.
Im Physikstudium hatte Lifka Pas-
cal programmiert, für einen Profes-
sor ein Physikbuch in Latex gesetzt.
Auf die Stelle bei LHS bewarb sie
sich eher spontan, „ich wollte auf
jeden Fall etwas Angewandtes ma-
chen.“ Die Firma suchte einen Mit-
arbeiter für die Dokumentation der
Online-Hilfen – „für alles was man
sieht, wenn man F1 drückt“.
Heute residiert das Unternehmen
in der Otto-Hahn-Straße in Drei-
eich bei Frankfurt auf vier Etagen
eines Büroblocks, gegenüber der Li-
se-Meitner-Straße und neben der
Einsteinstraße. Britta Lifka, die in
ihrer Freizeit Motorrad fährt und
E-Bass in einer Band spielt, leitet
nach einer Zwischenstation im Cus-
tomer-Support seit zwei Monaten
die 16-köpfige Gruppe für Assembly
und Datenbanken. Das Team stellt
Updates der Software zusammen
und organisiert die Auslieferung.
Wenn die Kollegen von der Kun-
denbetreuung eine neue Version für
einen Kunden anfordern, besorgt
sich die Assembly-Gruppe die ein-
zelnen Programm-Komponenten
von den Entwicklungsabteilungen,
kompiliert den Quellcode und tes-
tet das Programm. „Das ist knifflig“,
sagt Lifka, schließlich müsse die
Software auf vier verschiedenen
Unix-Plattformen – HP, Sun, Com-
paq und IBM – laufen.
Ihren Alltag verbringt die Mana-
gerin mit Email-Schreiben, Telefo-
nieren und in Meetings. Sie trifft
sich mit Kollegen vom Customer
Support, wo die Fehlermeldungen
eingehen, und diskutiert mit den
Entwicklern, welche Aufgaben
Priorität haben. Die tägliche Arbeit
des Teams wird von Teamleitern
koordiniert, die ihr unterstellt sind.
Daher braucht Lifka nicht alle De-
tails der Datenbank-Programmier-
sprache SQL zu kennen. Aber sie
kann mitreden, die Grundlagen
lernte sie in einer Schulung. Zur
Vorbereitung auf den Manager-Pos-
ten besuchte sie Kurse in Personal-
führung, Projektmanagement und
Präsentation.
Solche Karrieren sind unter Phy-
sikern in der IT-Branche keine Aus-
nahme. Sie leiten Projekte und
übernehmen Managementaufgaben,
ohne jemals längere Zeit am Quell-
code programmiert zu haben. Die
einschlägigen Begriffe sollten sie
freilich kennen, von relationalen
Datenbanken über objektorientierte
Programmierung bis zu Sprachen
Bits statt Baryonen
In der IT-Branche sind Physikerinnen und Physiker gern gesehen – wer mehr als
Programmieren will, muss teamfähig sein
Max Rauner
Physikalische Blätter
57 (2001) Nr. 5
0031-9279/01/0505-33
$17.50+50/0
© WILEY-VCH Verlag GmbH,
D-69451 Weinheim, 2001
In diesem Jahr
möchte das Soft-
warehaus SAP
mehrere hundert
neue Stellen beset-
zen. Mit ihm su-
chen zahlreiche IT-
Unternehmen hän-
deringend nach
Fachkräften (Foto:
SAP)