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Die Psychologie
spielt bei der Energiewende
eine entscheidende Rolle
Die Energiewende allein mit Effizienzmaßnahmen einzuleiten,
ist wenig erfolgversprechend. Vielmehr bedarf es einer
gesamtgesellschaftlichen Bereitschaft, das Streben nach persönlichem
Wohlstand zu begrenzen.Die Psychologie kann hier Wege aufzeigen,
die zu einem nachhaltigen Lebensstil motivieren.
Oliver Arnold, Siegmar Otto
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aut Energiekonzept der deutschen Bun-
desregierung soll der Primärenergie-
verbrauch bis 2050 um 50 Prozent redu-
ziert werden (Bundesregierung 2010).Um
dieses Ziel zu erreichen, setzt die Bundes-
regierung auf die Steigerung der Energie-
effizienz als technische Schlüsselstrategie.
Weniger thematisiert wird dagegen die in-
dividuelle Nachhaltigkeit der Bürger(in-
nen) als notwendige Voraussetzung für das
Gelingen des Konzepts (Nitsch et al. 2012).
Unsere Gesellschaft steht mit dem Reduk-
tionsziel von 50 Prozent vor einer bemer-
kenswerten Herausforderung. Schließlich
ist es Deutschland, wie auch anderen In-
dustrieländern, in den vergangenen 20 Jah-
ren allenfalls gelungen, einen Anstieg des
Energieverbrauchs zu verhindern, da die
bisherigen Effizienzsteigerungen in der
Bereitstellung von Gütern und Dienstleis-
tungen offenbar – makroökonomisch be-
trachtet – vollständig durch Mehrkonsum
kompensiert wurden (von Weizsäcker et al.
2009). Weil Konsum ausschließlich aus
menschlichem Verhalten resultiert, muss
dieses zwangsläufig als Ursache des Re-
bound-Phänomens
1
gesehen werden.
Erklärung des Rebound-Phänomens
Im Rahmen der Helmholtz-Allianz ENER-
GY-TRANS werden daher mittels feldexpe-
rimenteller Längsschnittstudien die psy-
chologischen Bedingungen für das Auftre-
ten sowie Möglichkeiten für die Reduktion
des Rebound-Phänomens untersucht. Aus
Sicht der Erwartungs-mal-Wert-Theorie,
des dominanten psychologischen Paradig-
mas individuellen Handelns, wählen Men-
schen zum Erreichen ihrer Ziele die Mit-
tel, die den höchsten persönlichen Nutzen
versprechen (Ajzen und Fishbein 2005). Die
Realisierung jedes einzelnen Handlungs-
ziels und mithin der gesamtgesellschaftli-
che Energieverbrauch als Aggregat aller in-
dividueller Handlungen sind dabei durch
die Ressourcen Zeit und Geld limitiert.
Individuelle Ziele stellen jedoch keine
endliche Menge dar, sondern sind in ihrer
Summe unbegrenzt. So haben Menschen
beispielsweise ständig neue Verwendun-
gen für Beleuchtung entwickelt. Während
die monetären Ausgaben für Beleuchtung
über Jahrhunderte und Kulturräume weit-
gehend konstant blieben, konnte der Pro-
Kopf-Konsum von Lumensekunden in den
vergangenen drei Jahrhunderten dank ei-
ner 700-fachen Steigerung der Energieef-
fizienz um den Faktor 6500 erhöht wer-
den (Herring und Roy 2007). Dieses Bei-
spiel zeigt das Potenzial technischer Effizi-
enzsteigerungen, in deren Rahmen – per
Definition – die zur Befriedigung individu-
eller Handlungsziele erforderlichen Res-
sourcen Zeit und Geld freigesetzt werden.
Unausgesprochen liegt so jeder Effizienz-
strategie, die auf eine Reduktion des Ener-
gieverbrauchs zielt, eine entscheidende An-
nahme zugrunde: Nur wenn es gelingt, in
breiten Bevölkerungsschichten die Bereit-
schaft zu wecken, zum Gemeinwohl auf
die Steigerung des eigenen Nutzens und
MITTEILUNGEN DER HELMHOLTZ-ALLIANZ ENERGY-TRANS
Kontakt Autoren: Dipl.-Psych. Oliver Arnold |
E-Mail: oliver.arnold@ovgu.de
Dr. Siegmar Otto | E-Mail: siegmar.otto@ovgu.de
beide: Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg |
Institut für Psychologie 1 | Magdeburg |
Deutschland
Kontakt ENERGY-TRANS: Dipl.-Geogr. Jens Schippl |
Karlsruher Institut für Technologie (KIT) | Institut
für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse
(ITAS) | Postfach 3640 | 76021 Karlsruhe |
Deutschland | Tel.: +49 721 60823994 | E-Mail:
jens.schippl@kit.edu | www.energy-trans.de
GAIA 22/1(2013): 65 – 66 | www.oekom.de/gaia
Psychology’s Critical Role for the German Energy Transition | GAIA 22/1 (2013): 65 –66
Keywords: energy consumption, environmental attitude, sustainability
© 2013 O. Arnold, S. Otto; licensee oekom verlag.
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Allianz ENERGY-TRANS
L
1 Die geläufigere Bezeichnung „Rebound-Effekt“
erscheint uns unangemessen, da es sich bei
der Entwicklung des Energieverbrauchs infolge
von Effizienzsteigerungen zunächst um einen
empirischen Befund unbekannter Ursache
handelt, der einer Erklärung bedarf.