353 WSI MITTEILUNGEN 5/2014 AUFSÄTZE Informalisierung und Arbeitskämpfe in Indien. Eine zeithistorische Perspektive auf die Gegenwart Die Arbeitskämpfe Indiens werden – trotz ihrer langen Tradition – in Europa selten wahrgenommen. Dies mag in der Annahme einer unüberbrückbaren kulturellen und historischen Andersartigkeit begründet sein. Die Konsequenzen der im Folgenden dargestellten fortschreitenden „Informalisierung“ von Arbeitsverhältnissen für die Dynamik von Arbeitskämpfen weisen jedoch deutlich über den indischen Fall hinaus. „Familienähnlichkeiten“ mit zeitgenössischen Prozessen in anderen, auch europäischen Teilen der Welt, sind unübersehbar. RAVI AHUJA 1. Europäische Gewerkschafen und indische Arbeitswelt Seit Ende des Zweiten Weltkrieges ist das internationale Interesse bundesdeutscher Gewerkschafen fast ausschließ- lich auf die nordatlantische Weltregion beschränkt geblie- ben. Arbeitswelt, Arbeitskonfikte und Gewerkschafen in Afrika, Asien oder Lateinamerika wurden hierzulande in der Regel nur im Rahmen entwicklungspolitischer Bestre- bungen etwa zur „Professionalisierung“ von „Dritte-Welt- Gewerkschafen“ und zur Eindämmung kommunistischen Einfusses thematisiert. Kommunikation und koordiniertes Handeln auf gleicher Augenhöhe erschien aufgrund der vorherrschenden modernisierungstheoretischen Prämissen als wenig dringlich: In der Gegenwart Europas wurde die Zukunf der „Dritten Welt“ gesehen; langfristig wurde mit einer Ausdehnung des Wohlfahrtsstaates und von Struktu- ren innerbetrieblicher Demokratie nach europäischem Vor- bild gerechnet. Wenn indische Arbeiter folglich in einer anderen Zeit lebten als ihre deutschen Kollegen, so gab es wenig Grundlagen für gemeinsames Handeln: Europäische Gewerkschafen mussten nur in ihren eigenen Ländern neue Standards setzen, der Rest der Welt würde – so die gängige Einschätzung – schon nachfolgen. Die realgeschichtlichen Prozesse lassen den ideologi- schen Charakter dieser modernisierungstheoretischen An- nahmen heute klarer hervortreten: (1) Die wohlfahrtsstaatliche Regulierung der Arbeitswelt erweist sich als begrenztes, diferenziertes, nur relativ sta- biles, bisweilen sogar umkehrbares Phänomen. Dass sie quasi ein gesetztes Ziel universalgeschichtlicher Entwick- lung sei, das in Europa nur schneller erreicht werde als anderswo, hat sich nicht bestätigt. (2) Die zunehmende globale Verfechtung von Produkti- onsprozessen unterstreicht, dass etwa deutsche und indische Lohnabhängige durchaus in derselben Zeit leben. Sie kon- kurrieren nicht nur miteinander (Produktionsverlagerung), sondern sind auch ähnlichen Regulierungsdynamiken (Informalisierung) ausgesetzt (Mayer-Ahuja 2013). (3) Zunehmende Verfechtung führt aber nicht zur Homo- genisierung der Arbeitswelten oder der Lebens- und Ar- beitsbedingungen: Transnationale Produktionsketten blei- ben nur solange proftabel, wie ein Gefälle zwischen den Produktionskosten verschiedener Standorte fortbesteht. Beginnt sich die Schere zu schließen, wird in der Regel erneut verlagert. So wird durch Globalisierung Ungleichheit befestigt und reproduziert. Die Fragen, wie auf den Trümmern modernisierungstheo- retischer Ideologie Grundlagen für eine Kooperation von Gewerkschafen Europas mit denen des Südens neu be- stimmt werden können und die Schützengrabenperspekti- ve der Standortverteidigung überwunden werden © WSI Mitteilungen 2014 Diese Datei und ihr Inhalt sind urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Verwertung (gewerbliche Vervielfältigung, Aufnahme in elektronische Datenbanken, Veröffent- lichung online oder offline) sind nicht gestattet. https://doi.org/10.5771/0342-300X-2014-5-353 Generiert durch IP '54.157.232.230', am 01.03.2022, 04:10:13. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.