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WSI MITTEILUNGEN 5/2014 AUFSÄTZE
Informalisierung und Arbeitskämpfe
in Indien. Eine zeithistorische
Perspektive auf die Gegenwart
Die Arbeitskämpfe Indiens werden – trotz ihrer langen Tradition – in Europa selten
wahrgenommen. Dies mag in der Annahme einer unüberbrückbaren kulturellen und
historischen Andersartigkeit begründet sein. Die Konsequenzen der im Folgenden
dargestellten fortschreitenden „Informalisierung“ von Arbeitsverhältnissen für die
Dynamik von Arbeitskämpfen weisen jedoch deutlich über den indischen Fall hinaus.
„Familienähnlichkeiten“ mit zeitgenössischen Prozessen in anderen, auch europäischen
Teilen der Welt, sind unübersehbar.
RAVI AHUJA
1. Europäische Gewerkschafen und
indische Arbeitswelt
Seit Ende des Zweiten Weltkrieges ist das internationale
Interesse bundesdeutscher Gewerkschafen fast ausschließ-
lich auf die nordatlantische Weltregion beschränkt geblie-
ben. Arbeitswelt, Arbeitskonfikte und Gewerkschafen in
Afrika, Asien oder Lateinamerika wurden hierzulande in
der Regel nur im Rahmen entwicklungspolitischer Bestre-
bungen etwa zur „Professionalisierung“ von „Dritte-Welt-
Gewerkschafen“ und zur Eindämmung kommunistischen
Einfusses thematisiert. Kommunikation und koordiniertes
Handeln auf gleicher Augenhöhe erschien aufgrund der
vorherrschenden modernisierungstheoretischen Prämissen
als wenig dringlich: In der Gegenwart Europas wurde die
Zukunf der „Dritten Welt“ gesehen; langfristig wurde mit
einer Ausdehnung des Wohlfahrtsstaates und von Struktu-
ren innerbetrieblicher Demokratie nach europäischem Vor-
bild gerechnet. Wenn indische Arbeiter folglich in einer
anderen Zeit lebten als ihre deutschen Kollegen, so gab es
wenig Grundlagen für gemeinsames Handeln: Europäische
Gewerkschafen mussten nur in ihren eigenen Ländern neue
Standards setzen, der Rest der Welt würde – so die gängige
Einschätzung – schon nachfolgen.
Die realgeschichtlichen Prozesse lassen den ideologi-
schen Charakter dieser modernisierungstheoretischen An-
nahmen heute klarer hervortreten:
(1) Die wohlfahrtsstaatliche Regulierung der Arbeitswelt
erweist sich als begrenztes, diferenziertes, nur relativ sta-
biles, bisweilen sogar umkehrbares Phänomen. Dass sie
quasi ein gesetztes Ziel universalgeschichtlicher Entwick-
lung sei, das in Europa nur schneller erreicht werde als
anderswo, hat sich nicht bestätigt.
(2) Die zunehmende globale Verfechtung von Produkti-
onsprozessen unterstreicht, dass etwa deutsche und indische
Lohnabhängige durchaus in derselben Zeit leben. Sie kon-
kurrieren nicht nur miteinander (Produktionsverlagerung),
sondern sind auch ähnlichen Regulierungsdynamiken
(Informalisierung) ausgesetzt (Mayer-Ahuja 2013).
(3) Zunehmende Verfechtung führt aber nicht zur Homo-
genisierung der Arbeitswelten oder der Lebens- und Ar-
beitsbedingungen: Transnationale Produktionsketten blei-
ben nur solange proftabel, wie ein Gefälle zwischen den
Produktionskosten verschiedener Standorte fortbesteht.
Beginnt sich die Schere zu schließen, wird in der Regel
erneut verlagert. So wird durch Globalisierung Ungleichheit
befestigt und reproduziert.
Die Fragen, wie auf den Trümmern modernisierungstheo-
retischer Ideologie Grundlagen für eine Kooperation von
Gewerkschafen Europas mit denen des Südens neu be-
stimmt werden können und die Schützengrabenperspekti-
ve der Standortverteidigung überwunden werden
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