Vergleich zwischen der Wirkung von BWS-Mobilisationstechniken in ante- riore versus posteriore Schubrichtung auf das sympathische Nervensystem Comparison of the Effects of Thoracic Spine Mobilization with Anterior versus Posterior Thrust on the Sympathetic Nervous System physioscience 2017; 13: 129132 S. Rogan, J. Taeymans, S. Zuber, P. Clarys, A. Tal-Akabi Zusammenfassung Hintergrund: Manualtherapeutische Be- handlungen werden oftmals auf der Höhe der thorakalen Wirbelsäule durchgeführt. Die segmentale Reaktion des sympathi- schen Nervensystems nach einer BWS- Mobilisation ist bislang unklar. Ziel: Ziele dieser Pilotstudie sind (1) die Darstellung der Durchführbarkeit sowie (2) die Untersuchung der akuten Effekte einer thorakalen manuellen Mobilisati- onstechnik auf das SNS in Bauchlage mit in anteriorer bzw. im Sitz mit in posterio- rer Schubrichtung mobilisiertem Brust- wirbel. Methode: Für diese Cross-Over-Pilotstu- die sollen mindestens 10 gesunde Er- wachsene rekrutiert und eingeschlossen werden. Cross-Over-Effekte werden mit- tels non-parametrischer L-Puri-Sen-Sta- tistik berechnet. Um Unterschiede inner- halb bzw. der Gruppen untereinander zu ermitteln, werden der Friedman-Test bzw. der Mann-Whitney-U-Test ange- wendet. Schlussfolgerung: Aufgrund der Wech- selwirkung des Spinalnervs und des SNS kann durch manualtherapeutische Tech- niken im Bereich der BWS eine Verände- rung von Herzratenvariabilität, Blutdruck, Puls sowie Hautdurchblutung und Haut- rötung im entsprechenden Segment an- genommen werden. Abstract Background: Manual therapy interventi- ons are often applied to the thoracic spine level. To date the segmental effect of the sympathetic nervous system (SNS) fol- lowing a thoracic spinal mobilization is unclear. Objective: The aims of this pilot study are (1) the presentation of the feasibility as well as (2) the examination of the acute effects of a thoracic manual mobilization technique on the SNS in ventral position with anterior thrust mobilized thoracic vertebrae and in sitting position with pos- terior thrust mobilized thoracic vertebrae. Method: At least 10 healthy adults shall be recruited and included in this cross- over pilot study. Cross-over effects will be calculated by using L Puri Sen Statistics. In order to identify differences between groups Friedman-Test and Mann-Whit- ney-U-Test are employed. Conclusion: Due to the interaction of the spinal nerve and the SNS manual therapy techniques applied to the thoracic region may produce a change of heart rate varia- bility, blood pressure, pulse as well as skin circulation and erythema in the cor- responding segment. Einleitung Die Segmentanatomie stellt die periphere Strukturierung des Spinalnervs dar [21]. Eine Strukturierung erfolgt in sogenannte Tome (Segmentanteile): Dermatom (Haut), Myotom (Muskel), Sklerotom (Knochen- haut, Ligamente), Enterotom (innere Orga- ne) und Neurotom (Rückenmark). Diese strukturierte Gliederung ermöglicht eine Wechselbeziehung via Spinalnerven so- genannte Segmentreflektorik zwischen den einzelnen Tomen [21, 22]. In der Seg- menreflektorik nimmt der Spinalnerv eine wichtige Rolle als Signalüberträger dieser Tome ein. Der Spinalnerv selbst besteht aus somati- schen und sympathischen Nervenfasern. Das sympathische Nervensystem (SNS) hat Kontakt mit den sensiblen und motori- schen Nervenfasern im Spinalnerv wie auch in den Nuclei intermediolateralis der Seitenhörner des Rückenmarks C8 bis L2 [2]. Sympathische Aktionspotenziale ent- stehen im Gehirn und peripher durch Reiz- induzierung (z. B. Licht, Geruch, Ge- schmack, therapeutische Maßnahmen, Schmerz) sowie durch Selbstgenerierung (z.B. Geschmack, mental, Licht; [1]). Die unterschiedlichen Reizmodalitäten stimu- lieren die Rezeptoren im Körper, erreichen über verschiedene Nervenbahnen supra- spinale Gebiete [16] und enden im Hypo- thalamus, wo unter anderem das SNS ent- springt [10]. Des Weiteren stellte Lovick [11] bei einem Tierexperiment nach Reizung des periaquä- duktalen Grau (PAG) einen Anstieg des Blutdrucks und der Herzfrequenz fest. Da- raus kann gefolgert werden, dass das SNS zum einen über terminale Neurone (Rü- ckenmark und Grenzstrang) einen spinalen Weg und zum anderen über supraspinale Wege (Hypothalamus, Formatio reticularis und PAG) die Herzratenvariabilität, Blut- druck, Puls als auch die Piloerektion und Vasomotorik bestimmt [8, 19]. Treten segmentale Funktionsstörungen auf, so hat dies zur Folge, dass sich im selben Segmentanteil reflektorisch eine Wirkung einstellt. Zu sehen sind die segmentalen Funktionsstörungen an den Head-Zonen im Dermatom oder den McKenzie-Punkten in der Muskulatur [22]. Diese anatomische Gegebenheit macht die BWS für Physiothe- rapeuten oder auch Osteopathen interes- sant. Der Wirbelsäulenabschnitt wird als Diagnosemittel von Dysfunktionen und zur Therapie genutzt unter anderem auch als manuelle Reflextherapie [3]. Hierbei erfolgt über manuelle Mobilisations- oder Mani- pulationstechniken eine Reizung des SNS und der Spinalnerven. Untersuchungen postulieren, dass manipu- lative Techniken im Bereich der zervikalen und lumbalen Wirbelsäule einen Anstieg der Hauttemperatur und eine Reduzierung der peripheren Temperatur hervorrufen [6]. Kingston et al. [9] stellten in ihrer Lite- raturübersichtsarbeit dar, dass sich der Sympathikotonus nach Mobilisationen und Manipulationen an der Wirbelsäule erhöht. Impulse des SNS lassen daraufhin den Blut- druck und die Herzfrequenz ansteigen. In der Peripherie erhöht sich die Schweißpro- duktion, und es ist eine reduzierte Hautleit- fähigkeit und Hauttemperatur erkennbar. Erkenntnisse über die Wirkung von BWS- Mobilisationstechniken auf die segmentale Hautdurchblutung, die Hautrötung, die Herzratenvariabilität, den Blutdruck und die Herzfrequenz sind heuristisch einzu- ordnen. Die hierbei aufkommenden Fragen sind, ob es eine Wirkung in dieser Bezie- hung gibt und wie stark ein therapeuti- scher Reiz sein muss, um das sympathische Nervensystem zu dämpfen bzw. zu aktivie- ren. Aufgrund des Forschungsstands sollen ei- gene Untersuchungen zur Absicherung und Erweiterung des Wissenstands der Segmentreflektorik beitragen. Rogan et al. [15] führten zu Beginn eine Einzelfall- studie durch, um die Effekte von Massage, Placebo, Mobilisation und Manipulation auf der Höhe Th3 bis Th6 auf die Perfusion sowie Erythembildung in den entspre- chenden Dermatomen zu evaluieren. Aus den gewonnenen Erkenntnissen wurden die Planungsgrundlagen für diese Cross- Studienprotokoll 129 Rogan S et al. Vergleich zwischen der physioscience 2017; 13: 129132 · DOI https://doi.org/10.1055/s-0035-1567217 Heruntergeladen von: University of Chicago. Urheberrechtlich geschützt.