Internationale Sicherheit APuZ 23 „VON FREUNDEN UMZINGELT“ WAR GESTERN Deutschlands schwindende Sicherheit Gunther Hellmann „Deutschland war noch nie so wohlhabend, so si- cher und so frei wie heute.“ Mit diesem Satz be- gann 2013 eine Studie zur deutschen Außen- und Sicherheitspolitik, die Politikempfehlungen „für eine Welt im Umbruch“ einschloss. 01 Fünf Jah- re später mag der Wohlstand der Deutschen im europäischen und internationalen Vergleich nach wie vor herausragen, und auch ihr Maß an Frei- heit mag sich noch immer auf einem historisch beneidenswerten Niveau befinden. Sicher wie nie zuvor fühlen sich die Deutschen im Sommer 2018 allerdings gewiss nicht. Im Gegenteil, Deutsch- lands Sicherheit ist heute so prekär wie seit Langem nicht, die Hochphasen des Ost-West- Konflikts eingeschlossen. Die ironische Lage- beschreibung von Verteidigungsminister Volker Rühe aus den 1990er Jahren, dass Deutschland „von Freunden umzingelt“ sei, 02 käme der gegen- wärtigen Amtsinhaberin Ursula von der Leyen gewiss nicht mehr über die Lippen. Im Folgenden werde ich argumentieren, dass der anhaltende weltpolitische „Umbruch“ der vergangenen Jahre Deutschland sogar mehr er- schüttert als viele andere Staaten – und zwar auch deshalb, weil Deutschland von der sich nach 1990 zunächst herausbildenden „neuen Weltordnung“ weit mehr profitiert hat als andere. Umso ein- schneidender erscheint die Zäsur, die im Zeit- raum zwischen der Annexion der Krim durch Russland im März 2014 und dem jüngsten Besuch von US-Präsident Donald Trump in Europa im Juli 2018 die Grundpfeiler bundesdeutscher Au- ßen- und Sicherheitspolitik ins Wanken brachte: die „Westbindung“ mit europäischer Integration und NATO-Mitgliedschaft sowie die auf Ent- spannung mit der Sowjetunion beziehungsweise Russland setzende „Ostpolitik“. 03 In der Folge sieht sich Deutschland derzeit mit höchst wider- sprüchlichen Rollenzuschreibungen und Erwar- tungen konfrontiert. Ob und wenn ja wie sich diese Spannungen aufheben lassen, ist derzeit schwer absehbar, weil zu viele Parameter im Fluss sind. Sicher erscheint allerdings, dass in den kommenden Jahren Anpassungen deutscher Sicherheitspoli- tik im Sinne eines „Kurswechsels“ erforderlich sein werden, 04 die mit den strategischen Wei- chenstellungen deutscher Außenpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg vergleichbar sind. Eine neuartige Erfahrung wird dabei sein, dass sich die Bundesrepublik nicht mehr automatisch auf die institutionellen Fixpunkte NATO und EU oder die Führungsleistungen zentraler Verbün- deter wie die USA oder Frankreich verlassen kann, die der deutschen Außen- und Sicher- heitspolitik in den vergangenen Jahrzehnten Orientierung und Entlastung lieferten. Viel- mehr wird europäische Sicherheit mehr denn je davon abhängen, wie Deutschland selbst seine sicherheitspolitische Rolle definiert. Die dem ehemaligen US-Außenminister Henry Kissin- ger zugeschriebene Aussage, dass Deutschland „zu groß für Europa und zu klein für die Welt“ sei, gewinnt vor diesem Hintergrund auch des- halb neue Aktualität, weil mehr denn je unge- wiss ist, wie der vom Vorsitzenden der Münch- ner Sicherheitskonferenz Wolfgang Ischinger gewiesene „Ausweg“ – „Nur mit Europa sind wir groß genug für die Welt und gleichzeitig nicht mehr zu groß für Europa“ 05 – konkret gehbar ist. Da die deutsche Geschichte instruktive Bei- spiele unterschiedlicher sicherheitspolitischer Rollen Deutschlands liefert, lohnt es, diese in Er- innerung zu rufen, um den Blick für die Probleme zu schärfen, die sich Deutschland gegenwärtig stellen. Denn diese Beispiele lassen die Anforde- rungen an eine reflexive deutsche Sicherheitspoli- tik, 06 die die Sicherheit anderer Staaten mitdenkt, klarer hervortreten.