22
WISSENSCHAFT
DIRK SCHÜLER, RENÉ UEBE
LEHRSTUHL FÜR MIKROBIOLOGIE, UNIVERSITÄT BAYREUTH
Alphaproteobacteria of the genus Magnetospirillum use dedicated
organelles, the magnetosomes, to navigate along geomagnetic field lines
in their natural environment. Magnetosomes are nanocrystals of mag-
netite (Fe
3
O
4
) which are biomineralized within specific membrane vesi-
cles and become aligned into chains by a dedicated cytoskeleton. This
article also highlights the potential for functionalization and application of
these bacterial magnetic nanoparticles.
DOI: 10.1007/s12268-019-0997-y
© Springer-Verlag 2019
ó Mithilfe von Sensorproteinen können vie-
le Bakterien chemische Gradienten erkennen
und gezielt in Richtung von Nährstoffquellen
schwimmen – oder auch vor Schadstoffen
flüchten. Neben dieser Chemotaxis können
sich einige Mikroorganismen im Erdmagnet-
feld orientieren. Das bekannteste dieser mag-
netotaktischen Bakterien ist Magnetospiril-
lum, die diesjährige Mikrobe des Jahres, die
weltweit im Schlamm vieler Gewässer lebt.
Der bestuntersuchte Vertreter dieser Gattung,
M. gryphiswaldense, verdankt seinen Namen
neben seinen magnetischen Eigenschaften
der spiraligen Zellform sowie seiner Herkunft
nahe der Stadt Greifswald [1]. Wie alle Mag-
netospirillen besitzt M. gryphiswaldense im
Zellinneren besondere Organellen, die Mag-
netosomen, die aus membranumhüllten, etwa
45 Nanometer großen Nanokristallen des
magnetischen Eisenoxids Magnetit (Fe
3
O
4
)
bestehen (Abb. 1). Viele grundlegende
Erkenntnisse zur Biosynthese und Funktion
der Magnetosomen wurden an M. gryphis-
waldense und engen Verwandten gewonnen,
da diese im Unterschied zu den meisten ande-
ren Magnetbakterien im Labor kultivierbar
und genetisch manipulierbar sind. Aus die-
sem Grund dient Magnetospirillum mittler-
weile auch als wichtiger Modellorganismus
für die Biogenese prokaryotischer Organel-
len sowie der Biomineralisation von Eisen-
mineralen.
Magnetosomenbildung: genetisch
komplex, vom Cytoskelett organisiert
Die Bildung von Magnetosomen hat sich als
unerwartet komplexer und exakt gesteuerter
Prozess erwiesen, an dem eine Vielzahl von
Genfunktionen sowie spezifische zelluläre
Strukturen beteiligt sind [2]. Die Biosynthe-
se geht zunächst einher mit der Bildung von
Vesikeln, die aus der inneren Membran der
Bakterien abgeschnürt werden und als „Nano-
reaktor“ für die kontrollierte Biomineralisa-
tion von strukturell perfekten, monokristal-
Magnetospirillum – Mikrobe des Jahres 2019
Nanokristalle für die Magnetfeldorien-
tierung – Biogenese von Magnetosomen
BIOspektrum | 01.19 | 25. Jahrgang
˘ Abb. 1: Zellform,
Ultrastruktur und
Modell der Magneto-
somenbildung in
Magnetospirillum. A,
B, Raster- und trans-
missionselektronenmi-
kroskopische Aufnah-
men von M. gryphis-
waldense-Zellen. C,
Kryo-Elektronentomo-
gramm einer sich tei-
lenden Zelle (Aufnah-
men D, vereinfachtes
Modell der Magnetoso-
menbiosynthese. Aus
der Zellemembran wer-
den Magnetosomenve-
sikel abgeschnürt, in
die durch Transport-
proteine Eisen aus der
Umgebung über das
Cytoplasma aufgenom-
men wird. Redoxaktive
Proteine steuern im
Inneren das Verhältnis
von Fe
2+
zu Fe
3+
, das
für die Biomineralisa-
tion von Magnetit
erforderlich ist. Reife
Magnetosomenpartikel
werden schließlich
durch das „Magneto-
skelett“ exakt in der
Zellmitte in Ketten von
15–25 Partikeln ange-
ordnet. A: Frank Mül-
ler, Universität Bay-
reuth; C: Mauricio
Toro-Nahuelpan, Uni-
versität Bayreuth, Jür-
gen M. Plitzko, MPI
Martinsried.
A
B
C
D