61 1 Die Herausforderung (Einleitung) 2 Und [Gott] sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde. […] 10 und [Abraham] reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete. 1 Die Geschichte von Abrahams Opfer im 22. Kapitel des Buches ‚Genesis‘ erregt nicht nur die Gemüter der ‚gewöhnlichen‘ Bibelleser/innen, sondern auch Exeget/innen und Philosoph/innen sehen sich durch sie vor eine besondere Herausforderung gestellt: Abraham wäre bereit, aus Glauben etwas zu tun – und Abrahams Status als Vorbild im Glauben scheint diese Handlung als gerechtfertigt zu klassifizieren –, was wir als zutiefst verwerflich (vielleicht sogar als das Ver- werflichste überhaupt) empfinden. Und dahinter droht noch ein Gott, der eine ent- sprechende Order gibt. Wie lässt sich die Zumutung der Geschichte wegerklären? Zunächst gilt es zu überlegen, wer überhaupt die Herausforderung annimmt und welche anderen Arten von Reaktion auf die Geschichte existieren. Man kann sich uninteressiert oder abgestoßen wegdrehen. Diese Reaktion mag vielleicht die angemessene sein, sie liefert uns hier keinen Stoff zur Beschäftigung. Man kann sich anregen lassen, die Geschichte umzuschreiben; in der Literatur finden Abraham opfert Isaak nicht. Philosophische Strategien gegen eine Untat Esther Heinrich-Ramharter © Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2022 H.-W. Ruckenbauer und S. Moser, Säkularismus, Postsäkularismus und die Zukunft der Religionen, https://doi.org/10.1007/978-3-476-04955-1_4 E. Heinrich-Ramharter () Universität Wien, Wien, Österreich E-Mail: esther.heinrich-ramharter@univie.ac.at 1 Aus der Bibel wird zitiert nach Martin Luthers Übersetzung (2016), revidiert 2017.