84 Phys. Unserer Zeit 2/2016 (47) © 2016 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim
am Baum bleibt immer grün, egal, ob es durch ein Stück
Fensterglas läuft oder an einem Spiegel am anderen Ende
des Raums reflektiert wird. Alle auftretenden Effekte schei-
nen dabei einzig und allein nur linear proportional mit der
Feldstärke der Lichtwelle zusammenzuhängen. Verdoppelt
man die Feldstärke einer Lichtwelle, die auf einen Spiegel
fällt, so ist auch die Feldstärke der reflektierten Welle dop-
pelt so groß. Andere Effekte, wie etwa der Brechungswin-
kel eines Lichtstrahls an einem Wasserglas, scheinen sogar
gänzlich unabhängig von der Lichtintensität zu sein.
Im Jahr 1961, kurz nach der Realisierung des ersten La-
sers, machte man jedoch eine erstaunliche Beobachtung.
Lief das intensive rote Licht eines Rubinlasers mit einer Wel-
lenlänge von 694 nm durch einen einfachen Quarzkristall,
erzeugte es darin Licht im ultravioletten Bereich bei genau
der halben Wellenlänge, also doppelter Frequenz [1]. Die-
ses Experiment wird heute gern als die Geburtsstunde des
Forschungsgebietes der nichtlinearen Optik bezeichnet.
Inzwischen ist eine ganze Reihe von optischen Effekten
bekannt, die erst bei sehr hohen Intensitäten von Licht in
Erscheinung treten. Einige dieser Effekte finden sich mitt-
lerweile sogar in unserem täglichen Leben wieder. Be-
stimmte Frequenzen von Laserlicht werden heute stan-
dardmäßig durch nichtlineare optische Effekte wie die Fre-
quenzverdopplung erzeugt. Die grünen Laserpointer nutzen
genau dieses Prinzip, da keine leistungsfähigen Halbleiter-
diodenlaser im grünen Spektralbereich zur Verfügung ste-
hen. Moderne optische Datenspeicher erreichen durch
nichtlineare Effekte höhere Speicherkapazitäten. In der Bio-
logie und Medizin lässt sich so die Auflösung optischer Mi-
kroskope deutlich steigern [2], auch die Laserchirurgie zur
Behandlung von Fehlsichtigkeit nutzt nichtlineare Effekte
aus [3]. Das Interesse an der nichtlinearen Optik spiegelt
sich zudem in der Wissenschaft wider. So wurden seit den
ersten Experimenten der Frequenzverdopplung bereits ei-
nige Nobelpreise für Entdeckungen in Physik und Chemie
vergeben, die mit nichtlinearen Effekten zusammenhängen.
Die nichtlineare Optik ist aber auch aus einem ganz an-
deren Grund äußerst interessant. Die immer höheren An-
forderungen an eine schnelle Datenübertragung und Da-
tenverarbeitung können nur noch durch die Verwendung
von Licht als Informationsträger erfüllt werden. In naher
Zukunft könnten deshalb elektronische Bauelemente zu-
Nanoskalierte Metamaterialien
Designermaterialien
für nichtlineare Optik
HEIKE P ROBST | T HOMAS Z ENTGRAF
Künstliche Nanostrukturen lassen sich heute bereits am
Computer so designen, dass sie völlig neue, nichtlineare
optische Effekte ermöglichen. Hergestellt werden sie dann
mit Hilfe modernster Techniken aus der Halbleiterindustrie.
Sie ermöglichen zum Beispiel neue optische Bauelemente,
welche die Informations- und Kommunikationstechnik
revolutionieren könnten.
DOI: 10.1002/piuz.201601427
A
ls „Unmöglichkeiten ersten Grades“ bezeichnet der
bekannte amerikanische Futurist und Physiker Michio
Kaku vom City College of New York Zukunftstechnologien,
die auf nichtlinearer Optik beruhen und mit neuartigen,
nanoskalierten Metamaterialien realisiert werden. Sie ver-
stoßen nicht gegen die Naturgesetze, aber mit ihnen lassen
sich komplett neue Materialeigenschaften ausbilden, die in
natürlich vorkommenden Materialien nicht realisierbar sind.
Dazu verändert man gezielt die nichtlinearen optischen
Eigenschaften in einem künstlich strukturierten Material.
Auf diese Weise entstehen Designermaterialien, die
schon heute ultraflache Linsen, Hologramme oder – in Gren-
zen – Tarnkappen ermöglichen, in Zukunft aber auch kom-
plexere und kleinere optische Bauelemente realisierbar ma-
chen werden. Insbesondere bei der optischen Kommuni-
kationstechnologie und Quantenkommunikation spielen
Frequenzumwandlungen häufig eine wichtige Rolle (siehe
Physik in unserer Zeit 2016, 47(1), 20) und sind auf eine
Hand voll in der Natur vorkommende Materialsysteme be-
schränkt. Mit der nichtlinearen Optik hat die Wissenschaft
ein neues Werkzeug, um die Wechselwirkung von Licht mit
Licht oder von Licht mit Materie besser zu kontrollieren
und auch effizienter zu gestalten.
Nichtlineare Optik
Beim Blick durch das offene Fenster nehmen wir unsere
Umwelt genauso wahr wie beim Blick durch die Glas-
scheibe eines geschlossenen Fensters: die Farben der Bäu-
me oder Autos sind gleich. Beobachten wir in unserem All-
tag optische Phänomene, so stellen wir schnell fest, dass
sich die Farbe von Licht, also die Frequenz der Licht-
schwingung, nicht ändert. Das reflektierte Licht der Blätter
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