ABI Technik 2017; 37(3): 208–215 Tagungsbericht Nils Beese, Elke C. Bongartz, Andreas Brandtner, Kathrin Höhner, Linn Jensen und Jan C. Werner 106. Deutscher Bibliothekartag 30. Mai bis 2. Juni 2017 in Frankfurt am Main https://doi.org/10.1515/abitech-2017-0044 Einleitung Kolleginnen und Kollegen, die mit Erwerbung zu tun ha- ben, hatten am diesjährigen Bibliothekartag einen Heim- vorteil: ist ihnen doch durch die Buchmessen das Frank- furter Messegelände bestens vertraut, in dessen Congress Center Ende Mai, Anfang Juni vier Tage lang knapp 4 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammenkamen. Es waren sonnige Tage unter dem Motto „Medien – Men- schen – Märkte“ mit viel Austausch über alte und neue Themen, Begegnungen nicht nur quer durch den deutsch- sprachigen Raum und einer gelungenen Kongressparty in den schönen Räumen der ehemaligen Synagoge Offen- bach. Erfreulicherweise ist mit Bibcasts im Vorfeld, den neuen Hands-On Labs und einer erhöhten Zahl von Work- shops ein Anfang gemacht, um klassische Vortragsfor- mate zugunsten partizipativerer Angebote zu reduzieren. Sogenannte Invited Sessions ermöglichten den Kommis- sionen, Referentinnen und Referenten ihrer Wahl einzula- den und damit eigene Akzente zu setzen. Alternative Beschaffungswege für Literatur: Sci-Hub, ResearchGate und Co. Bibliothekarische Dienstleistungen muten mitunter er- schreckend nutzerunfreundlich an. Der Zugang zu elek- tronischen Medien etwa hängt zunächst einmal von den standortspezifischen Lizenzen ab. Auch wenn die erfor- derlichen Lizenzen vorhanden sind, machen Bibliotheks- kataloge eine Vielzahl von Schritten erforderlich, um die Inhalte nutzen zu können. Es drohen außerdem massive Einschränkungen des Nutzungsumfangs. Elektronische Medien können etwa nur in HTML-Ansichten angeboten werden, der Kopier-, Druck- oder Downloadumfang oder sogar die zulässige Nutzungsdauer können beschränkt sein, E-Books können nur kapitelweise downloadbar sein usw. Für den Fall, dass die erforderlichen Lizenzen vor Ort nicht vorhanden sind, muss auf die kostenpflichtigen und zeitraubenden Optionen der Fernleihe oder der Do- kumentlieferdienste zurückgegriffen werden. Vor diesem Hintergrund ist es wenig verwunderlich, dass Wissen- schaftlerinnen und Wissenschaftler eigene Wege beschrei- ten, um sich unkompliziert mit Literatur zu versorgen. Katrin Wibker (UB Duisburg-Essen) hat in ihrem gut besuchten Vortrag, der dank der hervorragenden Modera- tion auch eine rege Diskussion und Beteiligung ermögli- cht hat, drei solche Wege identifiziert: Peer-to-peer-Anfra- gen, die Nutzung akademischer oder sozialer Netzwerke (Academia, Facebook, reddit, ResearchGate, Twitter usw.) und die Nutzung von Schattenbibliotheken (Library Ge- nesis, Sci-Hub). Themen wie rechtliche und ethische Be- wertungen dieser Optionen wurden dabei jeweils nur am Rand gestreift. Der Fokus des Vortrags lag darauf, Klarheit über den Leistungsumfang der alternativen Beschaffungs- wege zu schaffen: Insbesondere die Schattenbibliotheken bieten in großem Umfang elektronische Inhalte an (Sci- Hub hostet aktuell mehr als 62 Millionen Dokumente), und sie setzen Maßstäbe, was die Schnelligkeit und Be- quemlichkeit der Nutzungsmöglichkeiten anbelangt. Um die Bedeutung von Sci-Hub und den sozialen und wissen- schaftlichen Netzwerken für die Literaturversorgung ein- schätzen zu können, wäre es interessant gewesen, etwas über die Nutzungshäufigkeiten zu erfahren. In dieser Hin- sicht blieb es leider bei der Diagnose, dass Bibliotheken einige ihrer Nutzerinnen und Nutzer bereits verloren hät- ten, vor allem jene aus den Bereichen der Lebenswissen- schaften, Physik und Technik.1 In der Diskussion wurde auch der Aspekt der Nach- haltigkeit angesprochen: Sci-Hub war wegen der Verfol- gung durch die US-amerikanische Gerichtsbarkeit schon 1 Zur weltweiten Nutzung von Sci-Hub vgl. etwa: http://www.scien- cemag.org/news/2016/04/whos-downloading-pirated-papers-every- one.