Das muss jedem ungewo Èhnlich vorkommen: Im 6. Jahr ihres er- folgreichen Erscheinens fu È hrt eine wissenschaftliche Zeitschrift eine offenbar lange unterdru È ckte Diskussion u È ber die richtige In- terpretation ihres Namens! Was ist Komplementa Èrmedizin, was ihr Verha È ltnis und ihre Abgren- zung zur Naturheilkunde, und/oder in welcher Weise erga Ènzt sie diese? In den hierzu erschienenen drei Editorials vertraten die Dis- putanten etwas vereinfacht folgende Positionen: Bu È hring [1] fu È hrte in seinem Editorial aus, dass zwar «komplementa Èr den Aussenseiter bezeichnet», dass aber «Komplementarita Èt und Polarita È t hervorra- gende Modelle sind, das medizinische Denken sowie die Wahrneh- mung und Beurteilung von Kranken und Gesunden, aber auch von Heilmitteln und -methoden der Natur lebendig zu erhalten». Meyer- Abich [2] dagegen erkla È rt: «In dieser Situation nun scheint mir ein gu È tiges Geschick der Naturheilkunde den Gedanken der Komple- menta È rmedizin beschert zu haben», was ihm letztlich in einer «kom- plementa Èren Naturheilkunde» den Ausweg ero È ffnet. Schliesslich war es des Dritten (Linde [3]) Ziel, durch Interpretation des «For- schenden» in der Komplementa Èrmedizin auf das Vorla Èufige, Unsi- chere, fu Èr Korrekturen Offene in der Debatte hinzuweisen und da- mit einen tempora Èren Kompromiss zu ermo È glichen. Meyer-Abich [2] interessiert sich nicht dafu È r, wie der Begriff der Komplementarita È t in die Medizin gelangt ist, sondern er fordert uns auf, seinen naturphilosophischen Sinn in die Diskussion aufzuneh- men. Allerdings meint auch er einen eng umschriebenen Sinn dieses Begriffs, na Èmlich die sogenannte Kopenhagener Deutung in der Phy- sik. Dort hatten sich einige Pha È nomene der Quantenphysik seit Be- ginn der 20er Jahre als zunehmend ra È tselhaft dargestellt, bis sie dann durch Niels Bohrs zugegeben geniale Deutung eben als «komple- menta Èr» (insbesondere die Welle-Teilchen-Komplementarita È t) ange- sehen werden konnten. Es erscheint mir allerdings zweifelhaft, ob diese in der Physik bis heute gu È ltige und nach Bohr noch erheblich erweiterte Sichtweise fu È r die Medizin irgendeine Bedeutung hat. Die Geschichte des Begriffs in der Medizin kann uns nicht ganz gleichgu È ltig sein. Der medizinische Sprachgebrauch hierzulande ist bekanntlich in hohem Masse von dem im anglo-amerikanischen Raum abha Èngig. Von dort ist auch der Begriff der Komplementa È r- medizin gekommen. Deshalb hilft uns das deutschsprachige Ver- sta Èndnis des Begriffes (laut Brockhaus: Komplem'ent [lat] das , Er- ga È nzung, Erga È nzungsstu È ck) nur bedingt weiter. Im Grossbritannien der spa Èten 70er Jahre bemu È hten sich einige prominente Mediziner auf Initiative von Prinz Charles, der sich von jeher in Architektur, Landwirtschaft und Heilkunde um natur- nahe bzw. der Natur gerecht werdende Ansa È tze bemu Èhte, um eine Sichtung derartiger Ansa Ètze. Neben den traditionsreichen Schulen der britischen Homo È opathie und der Osteopathie stiessen sie na- tu È rlich auch auf eine ganze Reihe anderer Therapie-Richtungen wie Phytotherapie, Akupunktur, Entspannungsverfahren usw., die damals in Grossbritannien keine a È rztliche Anerkennung hatten. Das Komitee hatte sich unter anderem eine Namensgebung seines Arbeitsgebiets zur Aufgabe gesetzt und einigte sich nach langen Diskussionen auf «complementary medicine». Dass es dabei Bohrs Kopenhagener Deutung im Hinterkopf hatte, erscheint unwahr- scheinlich, denn dem anglo-amerikanischen medizinischen Sprach- versta Èndnis sind die ho È heren Spha Èren der Physik ebenso fern wie dem deutschen. Anfangs verwechselten auch die Angelsachsen ge- legentlich «complementary» mit «complimentary» und liefen Ge- fahr, an ein Kompliment (laut Brockhaus: [frz.] das , Artigkeit, Ho È f- lichkeitsbezeichnung, Schmeichelei; im Englischen auch ,compli- ment` gleich Gratifikation) zu denken. Offenbar wollte man deutlich machen, dass es jenseits der allgemein anerkannten konventionellen Medizin (ein Begriff, der erstmalig wohl im britischen «Medical Act» von 1858 auftaucht) weitere The- rapierichtungen gibt, die dem Anspruch Medizin zu sein gerecht wer- den. Das mag zwar trivial erscheinen, verdient jedoch deshalb festge- halten zu werden, da sich die deutschen Begriffe «Naturheilverfah- ren» und «Naturheilkunde» an diesem Punkt nicht positionieren lassen, was sie unter anderem fu È r nichta Èrztliche Therapeuten vo È llig legitim verfu È gbar macht. Øhnlich schliesst u È brigens das ebenfalls ge- bra Èuchliche «naturopathy» diese Therapeuten mit ein. Diese Medizin ha Ètte sich offenbar damals, zumindest im Vereinig- ten Ko Ènigreich, nicht als eine neue Fachrichtung wie etwa die Gen- therapie oder die Minimal Invasive Chirurgie etablieren lassen, die sich ihre Position durch innermedizinische Fortentwicklungen er- ka Èmpften. Mit der Wortscho È pfung «complementary» konnte man zuna È chst jede Diffamierung vermeiden und blieb offen bezu È glich der zu integrierenden Richtungen. Dies mag uns vielleicht etwas opportunistisch erscheinen, man muss jedoch bedenken, dass es eine Tradition a È rztlich ausgeu È bter Naturheilverfahren im anglo- amerkanischen Raum nicht gibt ± oder ho È chstens hinter vorgehal- tener Hand. 1981 erschien die erste Monographie mit dem Begriff «complementary medicine» im Titel [4], seit Mitte der 80er Jahre haben ihm Ûbersichtsartikel in Lancet [5] und British Medical Journal [6] den Weg geebnet ± was unter anderem dazu fu È hrte, dass Ó 2000 S. Karger GmbH, Freiburg Fax +49 761 452 07 14 Accessible online at: E-mail Information@Karger.de www.karger.com/journals/fkm www.karger.com Dr. med. Rainer Stange III. Innere Abteilung/Naturheilweisen Turmstrasse 21 D-10559 Berlin (Deutschland) Gasteditorial ´ Guest-Editorial Forsch Komplementa Èrmed Klass Naturheilkd 2000;7:117±118 Noch einmal: Das Komplementa È re in der Medizin