1 PIOTR SULIKOWSKI (POLEN, SZCZECIN) Nicht wie die Welt ist, ist das Mystische, sondern daß sie ist. Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus ITERATUR UND MEDIEN. ZUM PROBLEM DER UNERKANNTEN WELT DES ORIGINALS IN DER ÜBERSETZUNG DER LITERATUR 1 Im vorliegenden Beitrag möchten wir das Problem der unerkannten Welt des Originals in der Literaturübersetzung anschneiden. Der Erörterung zu Grunde liegt der Begriff Text in der Fassung des Sektion Digitalität und Textkulturen, IVG Warszawa 2010, wo er ausdrücklich als „multimediales und multimodales Artefakt mit nicht-sprachlichen und sprachlichen Elemente“ definiert wurde. Die Definition scheint begründet zu sein, auch wenn durch ihre Annahme ein Teil der Linguistik (und besonders der Textlinguistik) seinen Forschungsgegenstand im Sinne von F. Grucza neu definieren muss, da „primäres, konstitutives Element der jeweiligen Wissenschaft gerade ihr Gegenstand ist“ (1983: 26 u. a. ff., übers. PS). Die Entstellung bzw. Veränderung des Forschungsgegenstandes verlangt von der jeweiligen Wissenschaft, als eins der Erkenntnisziele die Neuschilderung und Erörterung ihres Forschungsgegenstandes, sowie im Weiteren die Erarbeitung neuer Methoden, die mit den andersartigen Gegenstandseigenschaften zusammenhängen. Im Jahre 2008 publizierten wir im Buch Strategie und Technik der literarischen Übersetzung ein Beispiel, welches auf eine vielleicht treffende Weise das Wesen jeder Übersetzung darstellt, der intersemiotischen Übersetzung, die keinesfalls auf sprachlichen Code beschränkt bleibt. „Wenn man beispielsweise das Werk von Hiroshige Utagawa und van Gogh vergleichen würde, beobachtet man ähnliche Phänomene wie im Falle der Untersuchung einer sprachlichen Übersetzung. Das Hauptmotiv des Gemäldes wurde treu nachkonstruiert, über eine Holzbrücke mit Geländer eilen sechs orientalisch gekleidete Personen, die vom plötzlichen Regen genässt werden. Um die Brücke herum erweitert sich auf beiden Werken ein Gewässer. Man sollte sich die Frage in translatologischer Tradition stellen, ob diese zwei Darstellungen adäquat zueinander seien? Und genauso wie im Falle der auf sprachliche Erscheinungen zentrierten Forschung kann keine eindeutige Antwort gegeben werden – eine bejahende und gleichzeitig verneinende Antwort scheinen genauso richtig zu sein. Ja – die Bilder stellen die gleiche Brücke in ähnlicher Gegend dar, die Protagonisten sind formgetreu nachgemalt. Ist dies aber die gleiche Brücke? Nein – die Techniken der beiden Werke sind voneinander weit entfernt, die Farben sind vollkommen anders, die im Original minimalistisch angedeutete Waldlinie am Horizont erblüht bei van Gogh mit Farbe – zusätzlich erscheint eine kegelförmige Fichte, eine Entlehnung aus der europäischen Landschaft. Das graue Zusammenspiel der Wolken Hiroshiges verarbeitet der Künstler zum subtilen Melange verschiedener Blauschattierungen. Die Originalbrücke scheint aus Bambusholz angefertigt zu sein – in ihrem europäischen Pendant wird der Baustoff ebenfalls europäisiert – die 1 Der Beitrag erschien in gekürzter Fassung in Materialien des Kongresses der Internationalen Vereinigung der Germanisten, Warszawa August 2010. Sektion Digitalität und Textkulturen. Poznań 2011. brought to you by CORE View metadata, citation and similar papers at core.ac.uk provided by Digitale Bibliothek Thüringen