ROSA PÉREZ ZANCAS
Universitat de Barcelona
Viktor Ullmanns Der Kaiser von Atlantis
oder Die Tod-Verweigerung (1944)
als Form utopischen Widerstands
1. Theresienstadt als Heterotopie
Der tschechische Musikwissenschaftler Milan Kuna stellt in seiner Studie Musik
an der Grenze des Lebens in Bezug auf Viktor Ullmanns Der Kaiser von Atlantis
fest: „man findet in der Geschichte der modernen Oper wohl kaum ein ein-
drucksvolleres Beispiel dafür, wie ein groß angelegtes Kunstwerk brennende Fra-
gen der Gegenwart allegorisch aufgreift, ohne dabei irgend etwas von seinem
künstlerischen Rang einzubüßen“ (321). Trotz der unbestrittenen Bedeutung des
in Theresienstadt entstandenen Werkes, wurde es an dem Ort seiner Entstehung
nie inszeniert. Bis heute wird darüber debattiert, ob es dort tatsächlich zu einem
Aufführungsverbot kam, ob die Musiker und Sänger auf die Transportlisten ge-
setzt wurden, weil die Oper Protest und Provokation gegen das Dritte Reich zum
Ausdruck brachte oder ob der sogenannte „Künstlertransport“ nach Auschwitz-
Birkenau von der SS-Kommandantur im Voraus geplant war.
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Kein Zweifel be-
steht daran, dass Der Kaiser von Atlantis im Nazi-Deutschland und in den
okkupierten Ländern nie hätte aufgeführt werden können.
Die Auseinandersetzung mit dieser außerordentlichen Oper setzt das Wissen vor-
aus, unter welchen Umständen sie entstand. Das als Propaganda-Instrument mit
dem euphemistischen Zusatz „Alters- und Familienghetto“, „Prominentenghetto“,
„Vorzugslager“ oder ab Mitte 1943 zynisch „jüdisches Siedlungsgebiet“ versehene
„Ghetto“ sollte als „Potemkinsches ‚Musterdorf‘“ (Kuna 165) die Öffentlichkeit täu-
schen. Als Vorzeigelager war es selbst Bühne und gespieltes Leben (Benz 186–97).
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Überdies funktionierte die ehemalige Garnisonstadt als Schleuse für die Ost-
transporte und somit zur Verschleierung der Morde in den Vernichtungslagern.
Es war „der Stall, der zum Schlachthof gehörte“ (Klüger 81). Dieser von der Au-
ßenwelt abgeschottete und entzeitlichte Raum kann mit Foucaults Beschreibung
der Heterotopie erfasst werden. Es handelt sich um einen „genau bestimmbaren,
realen, auf der Karte zu findenden Ort“ in einer „genau bestimmbare[n] Zeit“
(Die Heterotopien 9), der nicht dem utopisch Imaginären entspricht. Heterotopien
unterscheiden sich von den herkömmlichen Orten, da sie „sich allen anderen wi-
dersetzen und sie in gewisser Weise sogar auslöschen, ersetzen, neutralisieren
oder reinigen sollen“ (9). Sie haben ihre eigenen Normen und Gesetze sowie ihre
473 Te German Quarterly 91.4 (Fall 2018)
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