| 47 FORSCHUNGSJOURNAL SOZIALE BEWEGUNGEN 28. Jg. 4 | 2015 Die Antisklavereibewegung von 1787 als frühe international wirksame NGO Walter Reese-Schäfer 1 | Einleitung Die von England ausgehende Antisklaverei- bewegung von 1787 musste von Anfang an transnational agieren und verfolgte interna- tionale Ziele. Sie ermöglichte und setzte auf das politische Engagement von Gruppen, die durch das Wahlrecht nicht repräsentiert waren und entwickelte mediale Strategien zur Mobi- lisierung der Öffentlichkeit und zur Ausübung von Reformdruck auf das englische politische System. Als sie ihre Abstimmungssiege errungen hatte, wurde die britische Flotte zur weltweiten Kontrolle des Sklavenhandels eingesetzt. Die für die Bewegung zentrale Society for Effecting the Abolition of Slavery (im weiteren „Komitee“) wurde 1787 in London gegründet. 1807 erreichte sie die Abschaffung des Sklavenhandels auf britischen Schiffen, 1833 die Abschaffung der Sklaverei in den britischen Kolonien. Diese gut dokumentierte Bewegung ist ein paradigmatischer Fall für eine international wirksame NGO, so dass sich an ihr wichtige Fragen eines globalen Humani- tarismus diskutieren lassen. Historiographie, und politische Ideengeschichte können hier einen Modellfall einer international agierenden sozialen Bewegung studieren und beinahe das gesamte Spektrum humanitärer und postkolo- nialer Fragestellungen, die für eine kritische Untersuchung heutiger internationaler NGOs zentral sind, kann in diesem Zusammenhang ebenfalls diskutiert werden. Dazu gehören Analysen der Mobilisierungs- techniken der Bewegung und der Ursachen und Voraussetzungen ihrer Triumphe, aber auch der Fallgruben humanitärer Aktivitäten, nämlich Paternalismus, interessengeleiteter staatlicher Interventionismus und Ausweitung des Kolonialismus unter dem Vorwand der Bekämpfung der Sklaverei. 2 | Die Antisklavereibewegung als frühe international wirksame NGO Wenn man die Theorietexte der Bewegungs- forschung heranzieht, dann stößt man auf einigermaßen mechanische Geschichtsbilder: Die frühbürgerlichen Bewegungen werden als liberale oder demokratische Nationalbe- wegungen charakterisiert, auf welche dann die Arbeiterbewegung mit ihren sozialdemo- kratischen, katholischen, kommunistischen und anarchistischen Teilen folgt und in der die proletarische Frauen-, Jugend- und Kul- turbewegung integriert ist, und schließlich die aktuellen neuen sozialen Bewegungen, die sich nach Themen wie Ökologie, Atomenergie, Frauen, Frieden etc. differenzieren (Raschke 1987: 19-29). 1 Die Antisklavereibewegung dagegen entzieht sich derart mechanischen Charak- terisierungsmodellen. Sie kann als Prototyp einer sozialen Bewegung angesehen werden, die über viele Charakteristika verfügte, die die Funktionsweise heutiger internationaler NGOS, etwa im Menschenrechtsbereich, vorwegnahmen: Die Bewegung war von ihrem Ansatz her eine kosmopolitische und keine nationalistische Bewegung: Sie hatte ihren Kern in England, aber sie identifi- zierte sich mit dem Leid von Sklaven, die britischen Boden nie betreten haben. Diese wurden mit britischen Schiffen von der so- genannten Sklavenküste in Westafrika nach Westindien und Nordamerika gebracht. In einem Dreieckshandel liefen die Schiffe von dort mit Zucker, Baumwolle, Tabak und anderen Ladungen britische Häfen an. Von dort gingen sie, mit Tauschwaren und Geld- mitteln ausgestattet, wieder nach Afrika, um neue Sklaven anzukaufen. Der britische Sklavenhandel erreichte im letzten Drittel Themenschwerpunkt Brought to you by | Göteborg University - University of Gothenburg Authenticated Download Date | 11/28/19 1:21 PM