11 Einleitung Ueli Haefeli und Harald A. Mieg Am 6. Juni 1971 beschloss das Schweizer Volk mit einer überwältigenden Mehrheit von 93 Prozent, der Verfassung einen Artikel zum Umweltschutz anzugliedern. Es war dies die höchste Zustimmung zu einer Urnenvorlage in der Geschichte des schweizerischen Bundesstaats überhaupt, und dass an die- sem Abstimmungssonntag zum ersten Mal auch die Frauen mitentscheiden durften, erhöht die Bedeutung der Abstimmung noch zusätzlich. Mit der Annahme des Umweltschutzartikels kulminierte eine kurze, aber sehr inten- sive öffentliche Debatte über das Verhältnis des Menschen zur ihn umgeben- den Natur, das seine Selbstverständlichkeit verloren hatte und mehr und mehr als prekär wahrgenommen wurde. Das stürmische Wirtschaftswachstum der goldenen Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg wurde zunehmend als am- bivalent wahrgenommen: Einerseits waren die unmittelbaren materiellen Bedürfnisse von immer mehr Menschen befriedigt, andererseits fühlten sich immer grössere Teile der Bevölkerung von den Begleiterscheinungen des Wirtschaftsbooms belästigt. Einstige Boten des Fortschritts wie der Über- schallknall von Militärjets und die Auspuffgase der fast explosionsartig wach- senden Autoflotte wurden nun als Zumutung empfunden. Und dass in einigen Tessiner Seen das Baden wegen der schlechten Wasserqualität zeitweilig verbo- ten werden musste, machte auch eifrige Modernisierer nachdenklich. 1 Die neue Sorge um das Verhältnis zur Natur wurde nun auch in neue Begriffe gefasst, denn die Sprache reagiert immer sehr sensibel auf grundle- gende gesellschaftliche Umwälzungen: «Umwelt» und «Umweltschutz» sind Begriffe, die Ende der 1960er-Jahre noch kaum einer kannte, die dann aber Anfang der 1970er-Jahre von jedem Schulkind ganz selbstverständlich verwen- det wurden. Typischerweise reichte der CVP-Nationalrat Binder 1965 seine Motion zur Schaffung des Umweltschutzartikels noch unter dem Namen «Immissionsschutz» ein, das Zusammendenken der verschiedenen Störungen im Verhältnis des Menschen zur Natur war darin zwar angelegt, aber noch nicht wirklich vollzogen. Eine wichtige Rolle in diesem als «Umweltwende» zu verstehenden Prozess spielte die Wissenschaft; als eigentliche Initialzündung wirkte dabei 1970 das ETH-Symposium zum Thema «Schutz unseres Lebens- raumes». Als zentrale Botschaft der 47 Referierenden ging daraus hervor, dass die Herausforderungen in Bereichen wie Abwasser, Luft oder Abfällen als Teil unkorrigierte Vorschlussfassung 2017