141 Tränen Anmerkungen zur Entwicklung der Selbsterkenntnis in den Erzählungen ,Der schwermüthige Jüngling’ und ,Liebe, Misverständniß und Freundschaft’ von Sophie von La Roche Sabine VODA ESCHGFÄLLER Als 2007 des zweihundertsten Todestages von Sophie von La Roche (1730-1807) ge- dacht wurde, war man sich seitens der Literaturkritik einig: Hier handelte es sich um das Jubiläum der wohl bedeutendsten deutschsprachigen Autorin der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts (vgl. Maurer 2007). Ein Fortschritt, wenn man sich die Rezen- sionen zu Publikationen, ihr Werk betreffend, im historischen Querschnitt ansieht: Noch 1908 galt sie in ihrem literarischen Engagement gelinde formuliert als „aufdringlich“, ihre Deutschkenntnisse seien so der Kritiker Seuffert (1908) eher schwach gewesen 1 und ihre Ambitionen, gleichgesetzt mit ihrem Verhalten im Zwischenmenschlichen, ge- radezu penetrant in ihrer Selbstgefälligkeit. 2 Wohl speist sich derlei diskreditierende Vermischung einer Pseudo-Kritik und offener chauvinistischer Abneigung auch aus einer Tradition, welche die La Roche bereits mit dem Ausklingen der Empfindsamkeit in eine der unteren Schubladen der Literaturhistorie verbracht und diese für längere Zeit fest geschlossen hatte weder die Klassik noch die Romantik, in welcher ihre Enkelkinder Clemens und Bettine Brentano tragende Rollen spielen sollten, konnten (und wollten) zunächst nicht viel mit der Verfasserin des Erfolgsromans ,Die Geschichte des Fräulein von Sternheims‟ (1771), welchen D‟Aprile/Siebers als psychologisch genau erzähltes Werk über die Erziehung zur Zärtlichkeit und Tugend bezeichnen (vgl. D‟Aprile/ Siebers 2008:179), anfangen. Auch die (notwendige) Strategie, die Wieland bei der Herausgabe ihres Erstlings- romans angewandt hatte, dass er sich als Herausgeber präsentierte und das anonym vor- gestellte Werk in der Vorrede gegen die durchaus berechenbaren Einwände verteidigte, sollte in der Rezeption ihres Gesamtwerks bis heute eine Rolle spielen; zumindest blie- ben Abhängigkeiten unterschwellig weiterhin tradiert, welche die durchaus eigenständige und für damalige Begriffe erfolgreiche Schriftstellerin immer wieder/noch in persönliche Beziehungen eingebunden sehen wollten (vgl. Dawson 2002:247). Sicherlich tat sie ein Ihriges dazu, wenn sie zum Beispiel (auch) in ihrer Zeitschrift ,Pomona. Für Teutsch- lands Töchter‟ (1783-1784) ihr eigenes Leben zum Thema machte. 3 Dass sie einst mit 1 Seuffert in seiner Rezension zu Ridderhoffs Werk über La Roches Sprachfähigkeiten: „wer eine größse- re reihe briefe von ihr vor sich hat ich kenne außser der Dresdner Sammlung, aus der Muncker einiges mitteilte, noch andere , der sieht wie unbeholfen ihr Deutsch ist, wie dringend es des correctors be- darf“ (Seuffert 1908:297). 2 Der Rezensent wählt eindeutige Worte, wenn es um die Beurteilung von Wesen und Werk La Roches geht und wird hier durchaus persönlich: „Sophie war ein andringliches Frauenzimmer, unersättlich und ermüdend in ihren Freundschaftsansprüchen. Hätte W. (erg.: Wieland) nicht die treue der ersten lie- be und dankbarkeit für die ansprache während der Biberacher einsamkeit bewahrt, er würde sie ebenso wenig wie andere auf die dauer ertragen haben“ (Seuffert 1908:296). 3 S. Der Name „Sophie“ in dem Roman „Das Fräulein von Sternheim“ gab ebenfalls Anlass zu Spekul a- tionen, wie viel Anteil hier das Leben der Verfasserin selbst spielt. Ob/inwieweit dieses Spiel mit dem