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Theologie für eine andere
Welt: Zum Ideenwandel
des Christentums in der
lateinamerikanischen
Befreiungstheologie
Christine Unrau
1 Glaube und Welt im Christentum: Thema
und Kontext
Anders als der Islam wird das Christentum aktuell als eine apolitische Religion
wahrgenommen. Sein Fluchtpunkt, das „Reich Gottes“, ist laut Evangelium
„nicht von dieser Welt“ (Joh. 18, 36). Dazu passt auch die Aussage des Kirchen-
vaters Augustinus, die Herrschenden dürften zwar die Gläubigen nicht zur Gott-
losigkeit zwingen, ansonsten könne es den Christen aber letztlich gleichgültig
sein, unter wessen Herrschaft sie als dem Tode verfallene Menschen ihr kurzes
irdisches Dasein verleben (Augustinus 1979 [413–426], V 17). Diese völlige Ent-
kopplung des Glaubens von der Politik ermöglichte eine konservative Auslegung
des Christentums, das so leicht zur Stabilisierung der jeweiligen Machtstruktu-
ren instrumentalisiert werden konnte. Schon Machiavelli führte dementsprechend
in seinen Discorsi den allgemeinen Verlust der Freiheitsliebe auf das Vorherr-
schen des Christentums und seine Tendenz zum Erdulden und Erleiden zurück
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O. Hidalgo et al. (Hrsg.), Christentum und Islam als politische
Religionen, Politik und Religion, DOI 10.1007/978-3-658-13963-6_11
C. Unrau (*)
Duisburg, Deutschland
E-Mail: unrau@gcr21.uni-due.de