197 Theologie für eine andere Welt: Zum Ideenwandel des Christentums in der lateinamerikanischen Befreiungstheologie Christine Unrau 1 Glaube und Welt im Christentum: Thema und Kontext Anders als der Islam wird das Christentum aktuell als eine apolitische Religion wahrgenommen. Sein Fluchtpunkt, das „Reich Gottes“, ist laut Evangelium „nicht von dieser Welt“ (Joh. 18, 36). Dazu passt auch die Aussage des Kirchen- vaters Augustinus, die Herrschenden dürften zwar die Gläubigen nicht zur Gott- losigkeit zwingen, ansonsten könne es den Christen aber letztlich gleichgültig sein, unter wessen Herrschaft sie als dem Tode verfallene Menschen ihr kurzes irdisches Dasein verleben (Augustinus 1979 [413–426], V 17). Diese völlige Ent- kopplung des Glaubens von der Politik ermöglichte eine konservative Auslegung des Christentums, das so leicht zur Stabilisierung der jeweiligen Machtstruktu- ren instrumentalisiert werden konnte. Schon Machiavelli führte dementsprechend in seinen Discorsi den allgemeinen Verlust der Freiheitsliebe auf das Vorherr- schen des Christentums und seine Tendenz zum Erdulden und Erleiden zurück © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017 O. Hidalgo et al. (Hrsg.), Christentum und Islam als politische Religionen, Politik und Religion, DOI 10.1007/978-3-658-13963-6_11 C. Unrau (*) Duisburg, Deutschland E-Mail: unrau@gcr21.uni-due.de