Katharina Grätz und Sebastian Kaufmann Nietzsche als Dichter: Zur Einführung Nietzsche war beides, Philosoph und Dichter. Diese Doppelrolle wurde ihm nicht nur von anderen zugeschrieben, 1 sondern sie entspricht seinem Selbstverständnis: Schon 1872 bekannte er sich zum ‚gemischten‘ Ideal des „Philosophen-Künst- lers “, dessen Philosophie „ein Kunstwerk […] mit ästhetischem Werthe“ sein soll. 2 Und noch 1886 sympathisiert er in einem Nachlass-Notat mit der Rolle eines „verwegene[n] Dichter-Philosoph[en]“. 3 Freilich verdankt er seine exzeptionelle Stellung weniger der bloßen Tatsache, dass er die Grenze zur Literatur überschritt (damit wäre er in der Geschichte der Philosophie kein so seltener Fall), sondern vielmehr der Nachdrücklichkeit, mit der er das getan hat. Nietzsche realisierte in seinem Schaffen die Verbindung von Literatur und Philosophie in seltener Kon- sequenz: Er bediente sich in forcierter Weise literarischer Darstellungsmittel; seine Texte umkreisen reflektierend immer wieder die Frage, wie sich Philosophie und Poesie zueinander verhalten, und er wechselte als Lyriker sowie als Autor von Also sprach Zarathustra scheinbar vollständig auf die Seite der Dichtung. Als ‚Dichterphilosoph‘ hat Nietzsche mit den zeitgenössischen Konventionen des Philosophierens gebrochen und das Register der philosophischen Ausdrucks- formen und Schreibweisen erheblich erweitert. Der Kosmos seines Gesamtwerks konstituiert sich aus einer Vielfalt literarischer Genres und Textformen wie Ge- dicht, Aphorismus, Kurzessay, Dialog und Parabel. Nietzsche bildete keinen einheitlichen Schreibstil aus, sondern beanspruchte, wie er in Ecce Homo selbst- bewusst verkündet, für sich „die vielfachste Kunst des Stils überhaupt, über die je ein Mensch verfügt hat.“ 4 Tatsächlich charakterisiert ihn das Vermögen, souverän zwischen unterschiedlichen Stilen zu wechseln. Dabei dürfte er erheblich von seiner philologischen Ausbildung profitiert haben, vom intensiven Studium der antiken Literatur, aber auch allgemein von seiner großen Belesenheit auf den verschiedensten Gebieten. Nicht zuletzt zeugen davon auch die vielen intertextu- ellen Referenzen, die eine weitere Besonderheit seiner Texte ausmachen, und die ebenso auf wissenschaftliche wie auf literarische Werke verweisen. Zitate und 1 Die Einordnung als ‚Dichterphilosoph‘ bildet von früh an bis heute eine – wenngleich noch nicht zureichend reflektierte – Konstante in der Nietzsche-Rezeption. Vgl. beispielsweise Diner, Joseph, Friedrich Nietzsche. Ein Dichterphilosoph, in: Freie Bühne für modernes Leben, Jg. 1, Heft 13, Berlin 1890, S.368–371. 2 NL 1872, 19[39], KSA 7, 431, 12–14. 3 NL 1886, 6[22], KSA 12, 240, 13f. 4 EH Warum ich so gute Bücher schreibe 4, KSA 6, 304, 11f. DOI 10.1515/9783110530087-001 Brought to you by | UCL - University College London Authenticated Download Date | 10/24/17 4:47 PM