Ultragruppen als Lern- und Erfahrungsraum Im Gespräch mit Ultras Über Ultras wird häufiger gesprochen als mit ihnen. Ultras sind aber keineswegs sprachlos, sie können ihre Erfahrungen reflektieren und ihre Überzeugungen artikulieren. Deshalb haben wir ein längeres Interview mit Ben (24 Jahre), Luca (33 Jahre) und Tom (25 Jahre) geführt, die alle in unterschiedlichen Gruppierungen der Freiburger Ultraszene aktiv sind. Wir haben sie nach ihrer Sicht auf Ultras gefragt, danach, warum sie Teil einer Ultragruppe sind und was das für sie persönlich bedeutet. Dabei haben wir den Schwerpunkt auf die Fragen gelegt, was eigentlich das Positive an einer Mitgliedschaft in der Ultra-Szene ist und was deren Faszination ausmacht. Die ursprüngliche Idee, Ultras aus verschiedenen Städten zu einem Gespräch zusammenzubringen, wurde zwar von den Angesprochenen durchaus positiv aufgenommen, lies sich aber aus organisatorischen Gründen nicht realisieren. Z um besseren Verständnis des Interviews zunächst einige Hintergrundinformationen (s. dazu auch die Hinweise auf weiterführende Literatur am Ende des Textes): Ultragruppen – die immer wieder im Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung stehen und ordnungspolitisch als die eigentliche Problemgruppe in den Stadien gelten – unterscheiden sich von anderen Gruppen in den Fanszenen durch ein besonders starkes Engagement für den Verein, ein intensives Gruppenleben auch außerhalb des Spieltags sowie eine starke Selbstre- präsentation innerhalb und außerhalb der Stadien. Sie sehen sich selbst als harter Kern der aktiven Fanszene, der nicht Beiwerk, sondern Teil des Fußballs ist. Hieraus leiten sie Ansprüche auf Mitgestaltung ab und artikulie- ren ihre Kritik – z. B. an der fortschreitenden Kommer- zialisierung des Fußballs, der Entfremdung der Vereine und Verbände von den Fans oder an der Wahrnehmung von aktiven Fans als Sicherheitsproblem – in den Stadi- en und in den Medien. Sie adressieren ihre Kritik sowohl an die Vereine als auch an die Verbände DFB und DFL und organisieren ihren Protest – wie aktuell im Zusam- menschluss der „Fanszenen Deutschland“ – bundesweit. Zu ihrem Selbstverständnis gehört auch die Idee, ihre Gruppen und die Fankurven als einen selbstbestimmten Freiraum zu reklamieren und sich kritisch mit der Ver- regelung und Überwachung des Stadionbesuchs sowie damit zusammenhängenden polizeilichen Maßnahmen auseinanderzusetzen. Insbesondere die Polizei und ihr nahestehende Behörden wie Ordnungsämter werden als Akteure erlebt, die die eigenen Handlungsmöglichkeiten durch massive Eingriffe – z. B. in Form von Meldeaufa- gen oder Aufenthaltsverboten als polizeilich-präventive Mittel der Gefahrenabwehr – in ansonsten unstrittige bürgerliche Freiheitsrechte einschränkt. Gleichwohl kann nicht außer Acht gelassen werden, dass Ultras nicht ausschließlich Opfer von Repression sind. Denn es gehört zum Selbstverständnis von Ultras, bewusst Regeln und Gesetze zu überschreiten, wenn dies aus ihrer Sicht als legitim oder notwendig erachtet wird. Ultras sind nicht nur eine Erlebnisgemeinschaft, sondern auch eine Gegenkultur. Es zeigt sich bereits in dieser kurzen Charakterisierung von Ultras, dass eine Analyse von Interaktionsprozessen und Konfiktdynamiken sowie Beschreibungen der Le- 7 Extrablick: Fußballfans  Sozial Extra 1 2019: 7–12 https://doi.org/10.1007/s12054-018-0135-y Online publiziert: 18. Januar 2019 Helen Breit Freiburg, Deutschland 1987, Soziale Arbeit (BA) und Erziehungswissenschaft (MA); wissenschaftliche Mitarbeiterin an der PH Freiburg/Institut für Soziologie. helen.breit@ph-freiburg.de Albert Scherr Freiburg, Deutschland 1958, Prof. Dr. habil., Direktor des Instituts für Soziologie der Pädagogischen Hochschule Freiburg. scherr@ph-freiburg.de Zusammenfassung Der Beitrag ermöglicht Einblicke in das Selbstverständnis von aktiven Fußballfans aus der Ultra-Szene. Dazu wird nach einer kurzen Einleitung die bearbeitete Fassung eines Interviews abgedruckt, das wir mit Ultras geführt haben. Schlüsselwörter Fußballfans, Ultras, Fankultur, Fanprojekte