Diskussion Musikpädagogik 82/19 4 Digitalität im Musikunterricht Abstract The article starts by giving an overview of recent German edu- cational policy developments on digitalization, framed by their respective European inputs or definitions. Next, a broader ran- ge of legitimation and assumptions towards the relevance and power of digital media in education, and in societies in general is reported. These underpin the author’s view, that German scientific music education and school practice have not shifted their theoretical backgrounds in the past almost two decades. By drawing from various theoretical sources and disciplines the authors illuminate more recent approaches. Ranging from science and technology studies through sociology or pedago- gy they connect theories with current and ongoing empirical research projects in the field of music education or cultural education. A strong emphasis is put on the call towards music educators and scientists alike to take over responsibility by becoming part of the fundamental discourses. Die Ausgangssituation Zu Beginn des Jahres 2019 wird eine Sichtung der aus- geschriebenen sowie der bereits laufenden Förder- und Forschungsprogramme, welche durch Bundesmini- sterien, Länder und Stiftungen im Umfeld von Digi- talisierung und Bildung ausgelobt wurden, zu einer umfassenden Aufgabe. Gleichzeitig passiert die Aus- stattungsinitiative „DigitalPakt Schule“ 1 soeben die parlamentarischen Hürden, reformiert en passant noch die Regelungen des föderalen Bildungssystems und be- schert den Bildungsinstitutionen mehr als fünf Milliar- den Euro für technische Infrastrukturmaßnahmen. Dem Thema Digitalisierung kann also mit Fug und Recht ei- ne gesamtgesellschaftliche Relevanz oder gar derzeitige Dominanz zugesprochen werden, welche sich überdies an der Flut von Positionspapieren, Vorgaben, Empfeh- lungen, Expertisen bis hin zu Polemiken und journali- stischen Darstellungen bemessen ließe. Interessanterwei- se stellt Stefan Auerswald bereits Ende der 1990er-Jahre fest, dass „eine zukunftsorientierte und moderne Mu- sikpädagogik didaktisch relevante Medienmerkmale moderner Medientechnologien erforschen und auf ihre didaktische Relevanz hin untersuchen [muss, AG]“ (Au- erswald, 1999, S. 215). Vor diesem Hintergrund erscheint es legitim, mit Blick auf musikpädagogische Kontexte und Erkenntnisinteressen, dieses (erneut?) „heiße Eisen“ im Rahmen dieses Artikels zu schmieden, theoretische Kontexte sowie aktuelle Diskurse zu referenzieren und dabei über konkrete Themen und Projekte in diesem Umfeld zu berichten. Eine umfassende Darstellung der zahlreichen, häufig interdisziplinär verwobenen Pro- jekte und Theorien wird hier nicht zu leisten sein, einige Einblicke können indes doch beigesteuert werden. Wie auch immer die geschätzten Kollegen * in den Schulen und Hochschulen verfahren mögen, ob sich konkrete Haltungen zum Thema abzeichnen oder Widerständig- keiten manifestieren: Eine Auseinandersetzung mit der Digitalisierung wird insgesamt von und innerhalb der Musikpädagogik erwartet. Legitimationen und Rahmen Digitalisierung ist eines der neuen „Buzzwords“ der späten Postmoderne, die ihr zugeschriebenen Potenzi- ale für „Wandel“ und gesellschaftliche Veränderungen sind mannigfaltig und werden überwiegend positiv be- setzt. Dabei scheint es weithin akzeptiert zu sein, dass der Begriff „Digitalität“ selbst „auf historisch neue Mög- lichkeiten der Konstitution und der Verknüpfung der un- terschiedlichsten menschlichen und nichtmenschlichen Akteure [verweist, AG]“ (Stalder 2016, S. 18). Es ändern sich mithin nicht einfach nur die Mittel, sondern die Ko- ordinaten und Relationen zwischen körperlichen, sinn- lichen, ästhetischen, materiellen, sozialen und kulturellen Bedingungen (vgl. Jörissen, 2014). Hieraus lassen sich so- wohl gesamtgesellschaftliche Aufgaben und Legitimati- onen – auch für die institutionelle Bildung – ableiten, als auch eine deutliche Häufung von Vorgaben und Positi- onspapieren erkennen, welche allesamt zu dem Wandel beitragen oder diesen steuern wollen bzw. sollen. Die möglichen Auswirkungen des digitalen Wan- dels liegen laut Ladel und Kollegen auf individueller, organisationaler sowie gesellschaftlicher Ebene (Ladel, Knopf & Weinberger, 2018). Auf individueller Ebene sind hiermit beispielsweise augmentierte oder virtuelle Realitäten gemeint. Mit Bezug zu Musikunterricht wird dies aktuell erforscht an Beispielen wie augmentierten Liederbüchern (Rusiñol, Chazalon, & Diaz-Chito, 2018), virtuell erweiterten Kursen zur Musiktheorie (Ho et al., 2017) und Instrumentalpädagogik (Serafin et al., 2017), sowie virtuellen Dirigier-Kursen (Zünd et al., 2015). Organisational schließen hier Fragen zum Wissensma- nagement (etwa Administration und Implementation digitaler Lehr-Lernformate, bspw. über Plattformen wie „Moodle“), aber auch Produktions- und Rezeptions- kontexte digitaler Medientechnologien im Umfeld von Michael Ahlers & Marc Godau Digitalisierung – Musik – Unterricht Rahmen, Theorien und Projekte