Zwischen Tastatur und Straße: Post-digitale Strategien und Praktiken des identitären Rechtsextremismus und Islamismus im Vergleich Maik Fielitz, Martin Kahl 1 Einleitung Rechtsextremer und islamistischer Aktivismus haben sich in ihrem Auftreten und ihren Ausdrucksformen in den letzten 15 Jahren stark gewandelt. Hatten wir es um die Jahrtausendwende noch mit stark hierarchisierten Bewegungen zu tun, deren ideologische Ausrichtung und organisatorischen Zentren deut- lich identifizierbar waren, sind rechtsextreme und islamistische Gruppierun- gen heute oft verstreut und ihre Ideen durch die Verwendung divergierender Codes, Symbole und Verhaltensweisen schwerer als solche zu erkennen. Die Heterogenisierung beider Lager hat mit dem Aufkommen digitaler Kommu- nikationsforen zu tun. Sie haben auch randständigen Gruppierungen eine Stimme gegeben und gleichzeitig ein individuelleres Verhältnis zum Aktivis- mus über politische Grenzen hinaus etabliert (Tufekci 2017). Dieser Beitrag bringt die von den PANDORA-Teilprojekten jeweils sepa- rat untersuchten rechtsextremen und islamistischen Gruppierungen in einer vergleichenden Analyse ihrer post-digitalen Strategien und Praktiken zusam- men. Beide Gruppierungen haben auf die veränderten Opportunitätsstruktu- ren reagiert und größere Anschlussfähigkeit an gesellschaftliche Problemdis- kurse hergestellt. Sie sind versiert im Umgang mit sozialen Medien, nutzen rhetorische Verschleierungsstrategien und verwenden zeitgemäße ästhetische Darstellungsweisen. Dies sind heute wichtige Faktoren, die die Attraktivität der Gruppierungen in ihren eigenen Referenzmilieus auch jenseits homoge- ner Ideologien ausmachen. Soziale Netzwerke spielen beim Anwerben von neuen Sympathisant*innen eine zentrale Rolle, über Chat-Gruppen wird die Identifikation mit den Gruppen erhöht und Aktivist*innen treffen sich ge- meinsam, um Kampagnen im Netz und auf der Straße zu planen. Mittels ver- schiedener niedrigschwelliger partizipativer Angebote im Alltag und über die Plattformen sozialer Medien verbinden sie politische Agitation mit den Lebenswelten vor allem junger Menschen so stark, dass die herkömmliche Trennung zwischen virtueller und realer Welt zunehmend obsolet erscheint.