29 Schweizerische Zeitschrift für Heilpädagogik Jg. 17, 5 /11 INTEGRATION UND HETEROGENITÄT IN DER SCHULE (PRAXISKONZEPTE) • Diskrepanzen zwischen gesetzlichen Vorgaben, Forschungsergebnissen und gelebter Praxis Integrative Wandelprozesse im Bereich der institutionellen Strukturen des Schulsys- tems (Erziehungsdepartemente, Gemeinde- schulbehörden etc.) konnten in den letzten Jahren auf der Ebene von Schulgesetzen und entsprechenden Verordnungen relativ rasch in Gang gesetzt werden. Hingegen geht der Wandel auf der Ebene der habitusförmigen Handlungs- und Orientierungsmuster der involvierten Akteure auf dem Feld, das heisst, vor allem im Bereich der Routinen und des Alltagshandelns von Lehrpersonen erheblich langsamer vonstatten. Die Ergeb- nisse der neusten Evaluationsstudien und die inzwischen zahlreichen Dokumente mit Qualitätsrichtlinien, Rahmenbedingungen und Indizes für integrative Schulen sind weitgehend deckungsgleich mit den Befun- den aus den integrativen Schulversuchen der ersten Stunde, so dass die jetzt diskutier- ten Begriffe und Konzepte wie ein déjà-vu anmuten. Und tatsächlich: Vor etwas mehr als 20 Jahren ist die wegweisende Zürcher Studie «Integration ist lernbar» erschienen (Bächtold et al., 1990). Ihr Fazit steht schon im Titel. Was wir heute neu wissen ist, dass die Integration nicht nur lern-, sondern auch machbar bzw. umsetzbar ist, und dass sie in Bezug auf den Lernerfolg (der Kinder, aber auch der Schulen!) wirksam ist. Zahlreiche und auch für die Schweiz verifi- zierte Studien belegen, dass lernschwache Schulkinder in integrativen Klassen im sprachlichen und mathematischen Bereich grössere Fortschritte machen als solche in separierten Einrichtungen. Leistungsstär- kere Kinder werden in ihrem Lernerfolg nicht gebremst und tragen keinerlei Scha- den davon. Ein Problem entsteht bei den in- tegrierten lernschwachen Kindern durch die direkte Konfrontation mit den leistungs- starken Kindern. Dadurch entwickeln sie Andrea Lanfranchi und Josef Steppacher Integration zwischen Überzeugung und Unvollkommenheit Zusammenfassung An der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik in Zürich haben wir in März 2010 eine Tagung or- ganisiert, die wegen des grossen Andranges im Januar 2011 repliziert wurde. Wir hatten bei beiden Durchführungen ein volles Haus mit je 340 Teilnehmenden aus der schulischen und heilpädagogischen Praxis aus der ganzen (vorwiegend deutschen) Schweiz. Es folgen hier einige Schlussfolgerungen und Thesen aus der Tagung. Résumé En mars 2010 un séminaire a été organisé à la Haute école intercantonale de pédagogie spécialisée de Zurich. Vu le succès rencontré par cette manifestation, il a été décidé d’en réorganiser une en janvier 2011. Environ 340 personnes provenant en grande majorité de Suisse allemande et travaillant sur le ter- rain comme pédagogues ou enseignant-e-s spécialisé-e-s ont participé à chacun de ces séminaires. Cet article présente quelquesune des conclusions et des thèses émises lors de ces séminaires.