77 Geschichte, aktuelle Situation und zukünftige Herausforderungen der erziehungswissenschaftlichen Biographieforschung Heinz-Hermann Krüger und Ulrike Deppe 1. Einleitung Trotz der enormen Ausdifferenzierung von theoretischen Konzepten und metho- dischen Zugängen in der qualitativen Forschung insgesamt und trotz der schnell wechselnden Konjunkturzyklen im Wissenschaftssystem stellt die Biographiefor- schung als eingrenzbarer Bereich auch gegenwärtig ein zentrales Forschungsge- biet der Erziehungswissenschaften dar. Bei der Biographieforschung handelt es sich um einen Arbeitsbereich, der vor allem von einem empirischen Interesse und von einem spezifischen Datenmaterial her begründet ist. Sie umfasst die Wege der Erhebung und Auswertung von lebensgeschichtlichen Dokumenten, von erzählten bzw. berichteten Darstellungen der Lebensführung (vgl. Fuchs- Heinritz 2005) oder neuerdings auch von verschiedenen Formen der biogra- phischen Selbstpräsentation im Internet (vgl. Krüger/Hüfner/Leinhos 2017). In diesem Forschungsfeld geht es jedoch nicht nur um den instrumentellen Ein- satz von biographischen Verfahren. Vielmehr versucht die Biographieforschung in den letzten beiden Jahrzehnten als Forschungsfeld mit theoriegenerierender Kraft auch Anschlüsse an verschiedene grundlagentheoretische Diskurse in den Erziehungs- und Sozialwissenschaften herzustellen (vgl. Dausien/Hanses 2017; Felden, von 2008; Hof 2020). Am gesamten Arbeitsfeld der Biographieforschung sind verschiedene Wissen- schaftsdisziplinen mit unterschiedlichem Gewicht sowie differenten Zielsetzun- gen und Erkenntnisinteressen beteiligt. Neben der Erziehungswissenschaft arbei- ten etwa die Soziologie, die Psychologie vor allem in ihren psychoanalytischen Varianten und die neuere Entwicklungspsychologie der Lebensspanne sowie die Oral-History-Forschung in der Geschichtswissenschaft und die volkskundliche Erzählforschung an diesem Forschungsbereich mit. Auch wenn zwischen diesen Disziplinen Überschneidungen durch das Interesse an Lebensgeschichten exis- tieren, so gibt es keineswegs überall einen Austausch und gemeinsame Zugänge, wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Dies liegt unter anderem auch an den heterogenen Erkenntnisgegenständen. Der Fokus der folgenden Ausführungen liegt auf der erziehungswissenschaftlichen Biographieforschung. Es existieren