Evang. Theol. 80. Jg., Heft 5, S. 383–391, ISSN 0014-3502 © 2020 by Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, München ZUR SITUATION Kirche – wohin? Reiner Anselm/Isolde Karle Die Situation der evangelischen Kirche in Deutschland ist angespannt. Die Aus- trittszahlen sind hoch, überdies führt die Coronakrise zu einem signikanten Rückgang der Kirchensteuern. Die Frei- burger Studie »Kirche im Umbruch« pro- gnostizierte schon vor der Coronakrise, dass die Kirche bis 2060 etwa die Hälfte ihrer Mitglieder verlieren wird. Konkret müssen die Kirchen bis zum Jahr 2030 mit einem Rückgang von etwa 25 Pro- zent an Kirchensteuern rechnen. Zugleich steigen ab 2025 die Ruhestandszahlen massiv und damit auch die Versorgungs- kosten insbesondere für die Pfarrerschaft. Die »dagobertinische Phase« (W.-D. Hau- schildt) der organisatorischen Hochrüs- tung ist endgültig vorbei. Es liegt auf der Hand, dass diese Prognosen die Kirchen- leitungen vor große Herausforderungen stellen. Wie soll das kirchliche Leben mit- tel- und längerfristig nanziert werden? Welche Prioritäten sind zu setzen? Welche Stellen sind einzusparen, welche Arbeits- zweige zurückzubauen, welche Gebäude zu schließen? Die Landeskirchen sind im Blick auf diese schwerwiegenden und in jedem Fall Enttäuschung hervorrufenden Entscheidungen nicht zu beneiden. Nun hat ein »Z-Team«, dessen Mit- glieder von der EKD-Synode berufen wurden, ein Papier vorgelegt, das unter dem Titel »Auf gutem Grund – Elf Leit- sätze für eine aufgeschlossene Kirche« eine Diskussion über den weiteren Weg anstoßen möchte. Nicht ganz klar ist in dem Papier, ob die EKD als Dach- verband der protestantischen Kirchen in Deutschland dabei über sich selbst spricht oder ob sie Leitlinien für die Ge- samtkirche entwickeln möchte, die alle Gliedkirchen übernehmen sollen. Für letzteres kann die EKD ob der Autono- mie der Landeskirchen nur werben – die EKD kann keine zentralen Steuerungs- impulse durchsetzen und hat auch nicht die Ressourcen dazu. Und doch gibt es zentralistische Tendenzen in dem Papier, die genau dies zu insinuieren scheinen. Am plausibelsten und auch am zielfüh- rendsten wäre eine Deutung, die das Pa- pier als Auftakt für eine grundlegende Debatte über eine sachgerechte Zuord- nung der beiden Ebenen von Landes- kirchen und EKD versteht – allein: dies wird nicht explizit kommuniziert. In der Unbestimmtheit der Zielsetzung wirkt das Papier letztlich vor allem ratlos. Der Ratlosigkeit, die Ausgangspunkt des Papiers ist, hat auch die wissenschaftli- che Reexion wenig entgegen zu setzen. Die gesamtgesellschaftlichen Säkularisie- rungsprozesse und der mit ihnen verbun- dene Rückgang der Kirchenmitglieder