6 Zusammenfassung und Fazit Ziel der vorliegenden Expertise war eine empirisch begründete Analyse der gesellschaftlichen Implikationen der Präimplantationsdiagnostik. Zu diesem Zweck wurde der sozialwissenschaftliche Forschungsstand zu konkreten An- wendungsfeldern und Erfahrungen der PID aufgearbeitet und strukturiert zu- sammengefasst. Die Auswertung der einschlägigen Studien zeigte, dass drei Problemkomplexe für die Einschätzung der gesellschaftlichen Implikationen der PID von besonderer Relevanz sind. Erstens lässt sich seit Einführung der PID Anfang der 1990er Jahre eine Expansions- und Transformationstendenz dokumentieren, die zunächst in einer Ausweitung des (medizinischen) Indikationsspektrums zum Ausdruck kommt. Während die PID im wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs zunächst fast ausschließlich als Verfahren zur Prävention schwerer und nicht behandelbarer genetisch bedingter Krankheiten und Behinderungen gerahmt wurde, lassen sich in der medizinischen Praxis immer weitere Anwendungsfelder dieses Ver- fahrens beobachten. Diese Entwicklung lässt daran zweifeln, dass eine strikte Begrenzung des Einsatzes der PID praktisch möglich ist. Zum einen fehlen ‚ob- jektive’ Kriterien, die eine eindeutige Unterscheidung zwischen schweren und leichten Erkrankungen zulassen würden; zum anderen ist die Behandelbarkeit einer Krankheit nur im Verhältnis zum medizinisch-technischen Entwicklungs- stand zu bestimmen und damit historisch variabel. Inzwischen wird die PID auch zur Selektion von genetischen Variationen eingesetzt, die entweder mit behandelbaren Krankheiten assoziiert sind und/oder lediglich mit erhöhten Krankheitsrisiken einhergehen, es also unsicher ist, ob die Betroffenen jemals an dieser Krankheit leiden werden. Vor dem Hintergrund neuer gendiagnosti- scher Technologien könnte darüber hinaus die Selektion von Embryonen an Bedeutung gewinnen, die Anlageträger_innen rezessiv vererbter Krankheiten sind, an denen sie selbst nicht erkranken werden. Darüber hinaus lässt sich eine Expansion der PID in Anwendungsbereiche beobachten, die den engeren medizinischen Rahmen überschreiten. Dies ist etwa bei der umstrittenen Praxis der nicht-medizinischen Geschlechtswahl der Fall, bei der kein Krankheits- oder Gesundheitsbezug mehr besteht. Gleichzei- tig erodiert die Grenze zwischen medizinischen und nicht-medizinischen An- wendungsbereichen zunehmend, sodass deren Gegenüberstellung kaum (mehr) möglich ist. So fungiert etwa das Alter der Frau als eine ‚Quasi-Indikation’ © Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2017 T. Lemke und J. Rüppel, Reproduktion und Selektion, Frankfurter Beiträge zur Soziologie und Sozialpsychologie, DOI 10.1007/978-3-658-17841-3_6