1878 Korrespondenz | Correspondence Dtsch Med Wochenschr 2006; 131:1878–1879 Frakturen vitaler Zähne unter chronischer Schmerztherapie mit Oxycodon Der Arzneimittelkommission der deut- schen Ärzteschaft (AkdÄ) liegt ein UAW- Bericht über einen 71-jährigen Patienten vor, der seit 2 Jahren aufgrund chroni- scher Schmerzen wegen rheumatoider Arthritis mit Oxycodon behandelt wurde, und bei welchem nun Zahnschmelz- und Dentinerweichungen beschrieben wer- den, die inzwischen zum Teil zu Spontan- frakturen vitaler Zähne geführt haben. Die meldende Ärztin äußerte aufgrund der bekannten Nebenwirkung Mundtro- ckenheit von Oxycodon den Verdacht, dass ein Zusammenhang mit der regel- mäßigen Einnahme von Oxycodon beste- hen könnte. Das Präparat wurde in einer Dosierung von 2× 160 mg/Tag seit circa 2 Jahren appliziert. Der betroffene Patient ist seit 1991 bei derselben Zahnärztin in Behandlung, wobei das Gebiss bisher im- mer unauffällig und gut gepflegt wirkte. Erste Auffälligkeiten wurden im Jahr 2004 festgestellt, als erstmalig eine Wur- zelbehandlung erforderlich wurde. Als Begleiterkrankungen wurden eine arteri- elle Hypertonie, eine Schilddrüsener- krankung (nicht näher bezeichnet) sowie eine Nephrolithiasis angegeben. Der Pati- ent erhielt darüber hinaus seit mehreren Jahren folgende Medikation: Amlodipin 1 × 5 mg/Tag, Enalapril 1 × 10 mg/Tag, Hy- drochlorothiazid 1 × 25 mg/Tag, Meloxi- cam 1× 7,5 mg/Tag, Prednison 1 × 10 mg/ Tag, L-Thyroxin 1 × 50 mg/Tag, Tamsulo- sin 1 × 0,4 mg/Tag sowie Zitronensäure und Natriumcitrat in Form von Brause- tabletten zur Harnalkalisierung. Diskussion 5 Bei dem in der chronischen Schmerzthe- rapie häufig eingesetzten Wirkstoff Oxy- codon handelt es sich um ein klassisches Opioid mit morphinähnlicher Wirkung, aber einer im Vergleich zu Morphin ver- längerten Wirkdauer. Es besitzt Affinität zu allen drei Opiatrezeptoren in Hirn und Rückenmark (κ-, µ- und δ- Rezeptoren), an welchen es vollagonistisch, d.h. ohne antagonistische Komponente wirkt. Die therapeutische Wirkung ist vorwiegend analgetisch und sedierend. Oxycodon wird eingesetzt zur Behandlung schwe- rer und schwerster Schmerzen, insbeson- dere auch bei chronischen Schmerzen. Unter Therapie mit Oxycodon werden in der medizinischen Fachliteratur eine Rei- he unerwünschter Arzneimittelwirkun- gen (UAW) beschrieben, die typisch für die Substanzklasse der Opioide sind. So treten laut Fachinformation von Oxyge- sic ® (Wirkstoff: Oxycodon) Sedierung, Schwindel, Kopfschmerzen, Obstipation und Juckreiz sehr häufig (> 10%) und Mundtrockenheit häufig (1–10%) auf. Hinsichtlich möglicher unerwünschter Wirkungen im Dentalbereich finden sich folgende Angaben: Mundgeschwüre und Zahnfleischentzündungen werden gele- gentlich (< 1%), Zahnfleischbluten und Zahnveränderungen selten (< 0,1%) beob- achtet. Zahnschmelz- und Dentinerwei- chungen werden in der Fachinformation bisher nicht als unerwünschte Arznei- mittelwirkungen unter einer längerfristi- gen Opioidtherapie genannt und sind auch nicht in der medizinischen Fachlite- ratur beschrieben. In der Datenbank des deutschen Sponta- nerfassungssystems für unerwünschte Arzneimittelwirkungen (gemeinsame Datenbank von BfArM und AkdÄ, Stand 30.03.2005) finden sich insgesamt 195 Meldungen zu Oxycodon. Bei 7 Patienten betreffen die Berichte über UAW den Mund- bzw. Zahnbereich: 4mal werden Zahnveränderungen, sowie je einmal Mundtrockenheit, Zahnschmerzen, Para- dontopathie und Stomatitis beschrieben. Für die Gruppe der Opium-Alkaloide (insgesamt 708 Meldungen) finden sich 11 Fälle, in welchen Zahnveränderungen beschrieben wurden, davon wird in ei- nem Fall ausdrücklich die Auflösung der Zahnhartsubstanz erwähnt. Bei der Kausalitätsbeurteilung muss die Tatsache berücksichtigt werden, dass Personen unter chronischer Opiatthera- pie insgesamt empfänglicher für orale In- fektionen sind [5]. Auch die unter Opiat- therapie gehäuft auftretende Nebenwir- kung Xerostomie [9] begünstigt säurein- duzierte Attacken der Zahnhartsubstanz. Die zusätzliche Einnahme von Brausetab- letten mit den Wirkstoffen Zitronensäure und Natriumcitrat könnte im vorliegen- den Fall zusätzlich zur Zahnschädigung beigetragen haben. Ein allein durch die Mundtrockenheit und die Disposition für Infektionen ausgelöstes Abbrechen vita- ler Zähne – wie im vorliegenden Fall be- schrieben – erscheint jedoch als alleinige Ursache unwahrscheinlich. In der medi- zinischen Fachliteratur wurden Zahn- schmelz- bzw. Dentinerweichungen un- ter Opiattherapie bisher nicht beschrie- ben; es finden sich jedoch Hinweise auf eine allgemein immunsupprimierende- bzw. modifizierende Wirkung von Mor- phinderivaten [2, 3, 4, 6, 7]. Palm et al. [8] kamen in einer Vergleichsstudie an 10 Patienten mit chronischem Schmerzsyn- drom im Vergleich mit einer Gruppe ge- sunder Probanden zu dem Schluss, dass eine orale Behandlung mit einer retar- dierten Opiatformulierung keinen Ein- fluss auf die zelluläre Immunfunktion hat, beschrieben aber einen supprimie- renden Effekt der Opiatbehandlung auf die Immunglobulinproduktion. In letzter Zeit häufen sich jedoch die Hinweise, dass Opiatrezeptoren Zellen des Immun- systems beeinflussen und dass Opiate so- wohl die angeborene als auch die erwor- bene Immunantwort beeinflussen kön- nen [7, 10]. In diesem Zusammenhang ist es vorstellbar, dass – ausgelöst durch die dauerhafte Opiattherapie – immunsup- primierende Effekte Umbauvorgänge im Zahnschmelz- und/oder Dentinbereich begünstigen (z.B. im Bereich der kollage- nen Fasern des Dentins), die langfristig zu Zahnschmelz- oder Dentinerweichun- gen führen, zumal Opiate im Dentin ge- speichert werden [1]. Hier könnte die vergleichsweise hohe Tagesdosis von ins- gesamt 320 mg im Fall dieses Patienten eine zusätzliche Rolle gespielt haben. Der größte Anteil des Zahnes besteht aus Dentin, welches bis ins hohe Alter wächst. Dentin ist trotz seines im Ver- gleich zum Schmelz geringeren Mineral- gehaltes härter als Knochengewebe, aber sehr viel anfälliger gegen Säuren und Bakterien als Schmelz. Es ist kein kom- paktes Material wie Schmelz, enthält we- niger Kalziumkristalle und mehr kollage- ne Fasern und wird von vielen kleinen Kanälen durchzogen. In diesen so ge- nannten Dentinkanälchen befinden sich Nervenfasern, Wasser (Dentinliquor) und Zellfortsätze, welche immer wieder Den- Kurze Mitteilung Heruntergeladen von: University of Pittsburgh. Urheberrechtlich geschützt.