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Arthroskopie 4•2002 190
Originalien
Zusammenfassung
Der überwiegende Anteil des Meniskusge-
webes ist avaskulär und hat ein schlechtes
Heilungspotenzial. Die Neubildung von Blut-
gefäßen bei Heilungsvorgängen wird von
Angiogenesefaktoren reguliert. Das poten-
teste angiogenetisch wirkende Peptid ist der
vaskuläre endotheliale Wachstumsfaktor
(VEGF ,vascular endothelial growth
factor/VPF, vascular permeability factor).Ziel
der vorliegenden Untersuchungen war es, zu
überprüfen ob eine verminderte Expression
von VEGF im avaskulären Anteil des Menis-
kus die schlechten Heilungseigenschaften in
dieser Zone erklären.Zu diesem Zwecke wur-
den zunächst menschliche Menisken, die bei
Meniskusoperationen gewonnen wurden,
immunhistochemisch auf die VEGF-Expres-
sion untersucht. Da diese Untersuchungen
keine quantitativen Aussagen zulassen, wur-
den an Kaninchenmenisken künstliche zirku-
läre Läsionen ähnlich einer Korbhenkelrup-
tur gesetzt, mit 2-0-Ethibondfäden refixiert
und das Gewebe 5 und 10 Wochen nach Tö-
tung der Tiere immunhistochemisch und
mittels eines spezifischen ELISAs im Hinblick
auf die VEGF Expression untersucht.
Entgegen unserer Hypothese war VEGF
immunhistochemisch beim Menschen wie
auch beim Kaninchen im Bereich des avas-
kulären Anteils des Meniskus nachweisbar.
Trotz der VEGF-Expression blieb eine Heilung
des Gewebes im avaskulären Anteil bei allen
Tieren aus. Die quantitative Analyse mit ei-
nem sensitiven ELISA zeigte, dass die VEGF-
Konzentration im rupturierten Meniskus im
Vergleich zum gesunden Meniskus 5 und 10
Die Menisken sind transportable Ge-
lenkflächen. Sie gleichen die Inkon-
gruenz von Femur und Tibia aus und
tragen auf diese Weise zu einer gleich-
mäßigen Übertragung des Gelenkdru-
ckes bei [9, 11, 14, 31].Außerdem besitzen
die Menisken aufgrund ihrer viskoelas-
tischen Eigenschaften eine schockab-
sorbierende Funktion und sie beteiligen
sich an der Verteilung der Synovia im
Gelenk [14].
Klinische und radiologische Unter-
suchungen haben gezeigt, dass die Inzi-
denz degenerativer Gelenkschäden nach
partieller oder totaler Meniskusresek-
tion erhöht ist [9, 18, 42]. Aus diesem
Grund sollte bei der Therapie von Me-
niskusläsionen so viel Gewebe wie mög-
lich erhalten werden [31]. Eine Möglich-
keit, das Meniskusgewebe zu erhalten, ist
die Meniskusrefixation [7, 21, 26, 27, 40,
41, 43]. Für die Heilung von Meniskuslä-
sionen ist jedoch die Lokalisation des
Risses bedeutsam. Risse im avaskulären
inneren Anteil haben ein schlechtes Hei-
lungspotenzial; liegt die Läsion in der
mit Blutgefäßen versorgten äußeren Zir-
kumferenz, heilen refixierte Meniskus-
läsionen gut. Die Blutversorgung der
Menisken erfolgt über die Gefäße der
Gelenkkapsel [1, 2, 30, 31]. Von der Ge-
lenkkapsel dringen die Blutgefäße in ra-
diärer Richtung in die Meniskusbasis.
Die Ausdehnung des vaskularisierten
Bereiches variiert regional unterschied-
lich zwischen 10–30% des Meniskus-
querschnittes [1, 2, 30, 31]. Der Grund für
das Fehlen von Blutgefäßen ist in der
Struktur des Meniskusgewebes zu se-
R. Becker
3
· T. Pufe
2
· N. Giessmann
3
· S. Kuhlow
1
· R. Mentlein
2
· W. Petersen
1
1
Klinik für Orthopädie, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
2
Anatomisches Institut, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
3
Klinik für Orthopädie, Otto-von-Guericke-Universität zu Magdeburg
Die Rolle des Angiogenesefak-
tors VEGF (vascular endothelial
growth factor) bei der Heilung
von Meniskusläsionen
© Springer-Verlag 2002
Dr. med.Wolf Petersen
Klinik für Orthopädie der Christian-Albrechts-
Universität zu Kiel, Michaelisstraße 1,
24105 Kiel
Originalien
Arthroskopie 2002 · 15 : 190–195
DOI 10.1007/s00142-002-0199-2
Wochen nach der Operation stark erhöht
war.In der inneren Zirkumferenz fiel die
VEGF-Konzentration jedoch geringer aus als
in der vaskularisierten Meniskusbasis.
Unsere Ergebnisse erlauben die
Schlussfolgerung, dass der Angiogenesefak-
tor VEGF an der Meniskusheilung im vaskula-
risierten Anteil beteiligt ist. Im avaskulären
Anteil blieb die Heilung trotz VEGF-Expres-
sion aus. Ein Grund könnte sein, dass in avas-
kulären Geweben wie Faserknorpel und
Knorpel hohe Konzentrationen von Antian-
giogenesefaktoren exprimiert werden (z. B.
Endostatin), die die Wirkung des VEGF anta-
gonisieren. Die lokale Applikation von VEGF
über beschichtete Implantate oder gentech-
nische Verfahren könnte eine Möglichkeit
sein, die Heilung von Meniskusläsionen im
avaskulären Anteil zu verbessern.
Schlüsselwörter
Meniskus · Refixation · Heilung
Angiogenese