283 REVIEW ESSAY Sérgio Costa Postkoloniale Studien und Soziologie: Differenzen und Konvergenzen Bhabha, Homi (2000): Die Verortung der Kultur. Tübingen: Stauffenberg, 408 S. Conrad, Sebastian/Shalini Randeria (2002) (Hrsg.): Jenseits des Eurozentrismus. Frankfurt a.M./New York: Campus, 396 S. Hall, Stuart (1994): Rassismus und kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hamburg: Argument, 240 S. Hall, Stuart (2000): Cultural Studies. Ein politisches Theorieprojekt. Ausgewählte Schriften 3. Hamburg: Argument, 158 S. Pieterse, Jan Nederveen (2004): Globalization & Culture. Maryland: Rowman & Littlefield, 149 S. Beginnend mit denjenigen Autoren, die als Intel- lektuelle der schwarzen oder migratorischen Diaspora bezeichnet werden, entstanden die post- kolonialen Studien vor allem in der Literaturkritik Englands und der Vereinigten Staaten ab den 1980er Jahren. Danach expandierten sie in andere Länder und in andere wissenschaftliche Diszipli- nen, wobei die Arbeiten von Homi Bhabha, Ed- ward Said, Gayatri Chakravorty Spivak, Stuart Hall, Paul Gilroy und anderen weltweit mit Inter- esse rezipiert wurden. 1 Ausgangspunkt des postkolonialen Ansatzes ist die Feststellung, dass jede Aussage ihrem Ent- stehungsort verpflichtet ist. Auf diesem Befund, der nach den Debatten zwischen Strukturalisten und Poststrukturalisten eigentlich trivial gewor- den ist, gründen die postkolonialen Autoren ihre Kritik am wissenschaftlichen Produktionsprozess. Demzufolge trägt die etablierte Form der wissen- schaftlichen Wissensproduktion dazu bei, die in- terne Logik des Kolonialismus zu verbreiten, in- dem sie Denkmuster reproduziert, die den euro- päischen Nationalkulturen entsprechen. Dadurch werden sowohl die Erfahrungen sozialer Minder- heiten als auch die Transformationsprozesse in den nicht-westlichen Gesellschaften stets im Kontext ihrer funktionalen Verhältnisse zu dem betrachtet, was man als modernes Zentrum der Weltgesellschaft definiert hat. In diesem Sinne meint das „post“ nicht einfach ein „danach“ im zeitlich linearen Sinne; es handelt sich um eine Rekonfiguration im diskursiven Feld, in dem die hierarchischen Beziehungen gedeutet werden (Hall 2002). Das Koloniale seinerseits geht über den Kolonialismus hinaus, es bezieht sich auf di- verse Herrschaftsverhältnisse, seien sie über Be- ziehungen zwischen Geschlechtern, Ethnien oder Klassen definiert. Das theoretische Feld genau zu begrenzen, in dem die postkolonialen Studien angesiedelt sind, ist keine einfache Aufgabe, da die postkolonialen Studien danach suchen, einen Diskurs „beyond theory“ zu produzieren (Bhabha 1994) 2 . Dessen ungeachtet lassen sich enge Beziehungen zwi- schen postkolonialen Studien und mindestens drei weiteren Strömungen erkennen. Die erste ist der Poststrukturalismus, vor allem die Arbeiten von Derrida und Foucault, denen die postkolonialen Studien die Erkenntnis entnehmen, dass das So- ziale einen diskursiven Charakter aufweist. Die Rezeption des Poststrukturalismus ist allerdings nicht mit derjenigen postmoderner Prägung gleichzusetzen – der zweiten wichtigen Referenz für die postkolonialen Studien. Genau genommen