polylog 26 Seite 91 Fabian Heubel Immanente Transzendenz im Spannungsfeld von europäischer Sinologie, kritischer Theorie und zeitgenössischem Konfuzianismus Fabian Heubel ist Associate Research Fellow am Institute of Chinese Literature and Philosophy der Academia Sinica, Taipei. »Das, was Natur transzendiert (…), ist die ihrer selbst innegewordene Natur.« Adorno 1. Konformismus und die Verabsolutierung der Immanenz in China »Kann es von daher erstaunen, dass das chi- nesische Denken derart tief konformistisch ist? Ich möchte sagen: dass es keine Distanz zur ›Welt‹ zu nehmen sucht, das Reale nicht in Frage stellt, kein Erstaunen in seiner Hinsicht kennt.«1 Der Konformismus des chinesischen 1 »Comment s’etonner dès lors de ce que la pen- sée chinoise soit si profondement conformiste? Je veux dire: de ce qu’elle ne cherche pas à prendre ses di- stances vis-à-vis du ›monde‹, ne mette pas en question le réel, ne s’etonne même pas à son propos.« François Jullien: La propension des choses, Pour une histoire de Denkens, seine Unfähigkeit auf Distanz zur Welt zu gehen und Kritik am Bestehenden zu üben, gründet, für Jullien, in einem Denken der Immanenz. Im »chinesischen Denken« gibt es seiner Aufassung nach keine Transzen- denz und insofern der »Himmel«, im Ver- hältnis zum Horizont des Menschlichen, als transzendente Dimension aufgerichtet wird, handelt es sich um nichts anderes als um eine Totalisierung oder Verabsolutierung der Im- manenz. 2 Verabsolutierung der Immanenz bedeutet dabei Verabsolutierung von Wider- standslosigkeit und Kritiklosigkeit: Immanenz und Kritik schließen sich aus. Der Kontrast von Transzendenz, Distanz zur Welt und Kri- tik einerseits, sowie Immanenz, Weltanpas- sung und Konformismus andererseits ist ein Thema, das seine einlussreichste Ausarbei- l’eicacité en Chine, Paris: Seuil, 1992, S. 238. 2 Jullien: La Propension des choses, S. 238.