Peter Cornelius Claussen Le Corbusier, die Griechen und S. Maria in Cosmedin in Rom I Im Oktober 1911 streifte ein junger Schweizer mit dem Baedeker in der Hand durch Rom, machte Fotografen und Skizzen des Pantheon, verschiedener Termen, der Westteile von St. Peter, des Kapitols und Forum Romanum ; zudem zeichnete er in S. Maria Maggiore und S. Maria in Cosmedin (Abb. 1). Das wäre nicht weiter bemer- kenswert, wenn dieser Charles-Eduard Jeanneret nicht zehn Jahre später als Le Corbu- sier die Architektur revolutioniert hätte und bald weltberühmt geworden wäre. Wie er den ersten Eindruck der mittelalterlichen römischen Basilika S. Maria in Cosmedin erweiterte und für seine Lehrschriften nach dem Maßstab der Moderne modulierte, ist Gegenstand dieser Zeilen. Als künstlerischer Refex, der innerhalb der Suche der frühen Moderne nach Ankerpunkten einen ganz eigenen Akzent setzt,1 steht diese punktu- elle Mittelalterrezeption eines Wegbereiters der modernen Architektur vielleicht etwas am Rand einer Geschichte der gelehrten Rezeptionen, wie sie Ingo Herklotz aus den Quellen wieder ans Licht geführt hat. Vielleicht fndet der Versuch über die Kuriosität hinaus dennoch Interesse.2 II Dem Romaufenthalt Jeannerets vorausgegangen war eine monatelange Orientreise,3 die ihn mit seinem Freund August Klipstein (1885–1951), einem Kunsthistoriker, der 1 Der „Hang zu den Ursprüngen“ (Harald Szeemann) der frühen Moderne grif bekanntlich vor allem ins „Exotische“, im deutschen Expressionismus aber auch ins Mittelalter : Rubin 1984 ; Bushart 1990. 2 In der uferlosen Literatur über Le Corbusier wird seine Neigung zu S. Maria in Cosmedin na- hezu ausgeblendet. Ein Aufsatz über Le Corbusier und das Mittelalter erwähnt sie nicht einmal : Dynes 2006. Selbst in dem gründlich recherchierten Beitrag von Marida Talamona 2013 über Jeannerets Romaufenthalt ist über den Besuch in S. Maria in Cosmedin nichts zu fnden. Kurze Erwähnungen bei von Moos/Rüegg 2002, 193 ; Cohen 2007, 20, 30 ; Wąs 2013, 23f. 3 Über die Orientreise hat er einen literarisch ambitionierten Reisebericht geschrieben, den er zunächst nur in Fortsetzungen in Avis, einer Zeitschrift seiner Heimatstadt La Chaux-de-Fonds, publizieren konnte. Das Manuskript beendete er am 10. Oktober 1911 in Neapel ; Rom (und Pisa) kommen nicht mehr vor. Als Buch erscheint Voyage d’Orient erst 1966, ein Jahr nach Le Corbusiers Tod, aber noch von ihm redigiert und vorbereitet. Die wichtigste Literatur, auch mit Hinweisen auf den Einfuss des Schweizer Orientliebhabers William Ritter : Gresleri 1984 ; Maraviglia downloaded from www.vr-elibrary.de by Peter Cornelius Claussen on December, 10 2021 For personal use only.