Review article 334 SCHWEIZER ARCHIV FÜR NEUROLOGIE UND PSYCHIATRIE 2009;160(8):334–40 www.sanp.ch | www.asnp.ch Einleitung: Zum Begriff Psychomotorik Zunächst scheint es klar zu sein, was in der Psychiatrie Psychomotorik bedeutet. Wir folgen der Definition von Peters (2007), nach der damit «das durch psychische Vorgänge ge- prägte Gesamt der Bewegungen» beschrieben wird. «Psy- chomotorik ist das jeweilige Resultat einer Integration von psychischen und motorischen Funktionen. Psychische Ge- gebenheiten spiegeln sich somit weitgehend im Bewegungs- spiel wider» ([1], 435). Diese Definition trifft die psychiatrisch übliche Verwendung des Begriffs; Psychomotorik ist in der psychiatrischen Diagnostik genau so verstanden und umge- setzt worden. In dieser Definition ist eine Richtungsangabe Psychologie und Psychopathologie der Intersubjektivität von Körpererfahrung – Psychomotorik am Beispiel mimischer Reziprozität Joachim Küchenhoff There is no actual or potential conflict of interest in relation to this article. Summary Background: Psychomotor symptoms are important for diagnosing psychia- tric disorders. The concept of psychomotorics has not changed in 150 years, basically. Social and interactional dimensions have not been included. Hypothesis: The paper argues in favor of an enlarged notion of psycho- motorics taking cultural, social and interpersonal criteria into consideration. To account for this conceptual extension, the term psycho-socio-motorics or interactional psychomotorics is introduced. Methods: Interactional psychomotorics is highlighted by the analysis of mimic interaction, either in everyday conversation or in psychopathological symptoms. Results: Developmental and phenomenological studies have convincingly shown that mimic interaction is characterised by prereflexive spontaneity and a reciprocal attunement between self and other. The psychological chal- lenge implied in mimic interaction is three-fold: it is unavoidable, happens spontaneously and is susceptible to failure. Psychopathological symptoms such as dysmorphophobia can be understood as an attempt to avoid or short- cut these challenges. The psychosocial sequelae of Parkinson’s disease and of parkinsonoid side – effects of neuroleptic drugs are due to a loss of balance in mimic interaction. Conclusion: Widening the notion of psychomotorics to include social and interactional dimensions allows an expanded understanding of psycho- pathological symptoms. Actual research methods to assess bodily experiences and an actual research project on facial expression and its impact on identity formation are finally touched upon. Key words: psychomotorics; interaction; intersubjectivity; mimic interaction; dysmorphophobia; Parkinson’s disease Korrespondenz: Prof. Dr. Joachim Küchenhoff Kantonale Psychiatrische Klinik Bienentalstr. 7 CH-4410 Liestal enthalten: Seelisches widerspiegelt sich im Bewegungsspiel, wobei an eine Umkehrung der Wirkrichtung nicht gedacht wird. Schon am Ursprung der Psychiatrie als Wissenschaft, bei Griesinger [2], wird dies als «allgemeinste Grundtat- sache» angesehen: «Dass aber dem psychischen Geschehen in uns überhaupt die Tendenz innewohnt, sich zu äussern, sich in Bewegung und Handlung darzustellen, dies beruht auf jener allgemeinsten Grundtatsache, der wir überall im Nervensystem begegnen, dass nämlich die centripetalen Erregungszustände in den Centralorganen in motorische Impulse umschlagen» ([2], S. 39). Das ist das Modell des Reflexbogens, das auf die seelisch-motorischen Zusammen- hänge übertragen wird. Karl Jaspers greift es in der «Allge- meinen Psychopathologie» auf; der Willensakt wird gefolgt von einem ausserbewussten motorischen Mechanismus, der diesem Willensakt die Wirkfähigkeit gibt ([3], S. 150f). Das Bewegungsspiel wird demnach beobachtet, um aus ihm Schlüsse auf die psychische Befindlichkeit zu ziehen. Jaspers betont, dass die Untersuchung von zwei Seiten her erfolgen könne. Entweder wird der Bewegungsmechanis- mus selbst untersucht, das ist Aufgabe der Neurologie, die in diesem Sinne Motilitätsstörungen betrachtet. Oder es wird nach «abnormem Seelenleben und Willensbewusst- sein» gefahndet, das in den auffallenden Bewegungsmus- tern zutage trete; das ist die psychiatrische Untersuchung der Motorik. In wissenschaftlicher Skepsis stellt Jaspers die psychotischen Bewegungserscheinungen zwischen beide, die er weder den psychologischen noch den neurologischen Störungen zuordnen will. Darin ist er vorsichtiger als Kleist [4], dessen Untersuchungen er schätzt, dessen neurologische Interpretation psychomotorischer Erscheinungen er aber für ungesichert hält. Kleist hatte sich kurze Zeit vorher ausführ- lich mit den psychomotorischen Bewegungsstörungen bei Geisteskranken befasst. Aus dieser Konzeption der Psychomotorik hat die de- skriptive Psychopathologie eine im Kern bis heute wenig veränderte Beschreibung psychomotorischer Symptome entwickelt. Scharfetter [5] gibt in seiner «Allgemeinen Psychopathologie» unter dem Stichwort «Pathologie der Motorik» eine Übersicht (vgl. Tab. 1). In einer aktuellen Arbeit fasst Müller [6] psychomotorische Phänomene in weitgehend identischer Form zusammen. Die genaue De- skription, zunächst auch die genaue Beobachtung des Bewegungsverhaltens eines Patienten, kann von diesen deskriptiven Differenzierungen sehr profitieren; sie erlaubt auch differentialdiagnostische Schlüsse zwischen verschie- denen psychiatrischen Störungen, z.B. depressiven und schizophrenen Störungen [7], oder natürlich zwischen neurologischen und psychiatrischen Leiden.